Der Fuchs und die kleine Fee, Kapitel 5 – Erwachsen werden

Zunächst wartet die Fee lange Zeit darauf, dass die Frau im Spiegel wiederkommt und ihr sagt, was sie tun soll. Doch langsam wird ihr bewusst, dass sie sich selber auf den Weg machen muss. Sie geht in ihren Wald, wo ihr die Begegnung mit den altvertrauten Wesen wieder ein bißchen Kraft gibt. Auf einer Waldlichtung rastet sie schließlich und begegnet dort einem altem Mann mit langen weißen Haaren. Sie vertraut sich ihm an und fragt ihn, was sie tun könne, um sich ein neues Feenkleid wachsen zu lassen. „Der-schon-immer-da-ist-der-alles-weiß-und-alles-versteht“ gibt ihr den Rat, ein großes Zauberwesen zu werden. Dazu brauche sie die Kraft, alles zu verstehen. Auf dem Heimweg dämmert es der Fee, dass sie die Geschichte aller Waldwesen verstehen lernen muß, und damit vielleicht auch die Geschichte der Füchse. Zuhause angekommen, erkennt sie beim Blick in ihren Zauberspiegel, dass sie auf dem richtigen Weg ist. Um sie herum sieht sie bereits ein silbriger Schein, ein erstes Zeichen dafür, dass ihr neues Feenkleid wächst.

Erwachsen werden heißt, die Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen

Wie so vielen Opfern fällt es der Fee unglaublich schwer, zu akzeptieren, dass es nur einen Menschen gibt, der ihr aus der Misere helfen kann – nämlich sie selber. Ihre bisherige Überlebensstrategie, kindlich vertrauensvoll und fürsorglich zu sein, das eigene Wesen, die eigenen Bedürfnisse sogar für sich selber unkenntlich zu machen, immer hilfsbereit und freundlich zu sein, hat ihr als Erwachsene den bisher größten Schockmoment ihres Lebens bereitet. Ihre Hoffnung, durch ihre Fürsorge am Ende einen gleichgesinnten Freund zu gewinnen, der nun umgekehrt auch für sie sorgen würde, wird bitter enttäuscht. Dann nämlich als sie erkennen muss, dass  der Fuchs eben nicht von ihrer Art ist. Der Fuchs wiederum glaubt, dass er um alles kämpfen muss, dass er sich niemals verletzlich zeigen darf. Eine Beziehung fühlt sich für ihn nur dann sicher an, wenn die Hierarchie ganz klar definiert ist: er fordert, die anderen erfüllen. Freiwillig etwas zu geben oder zu bekommen ist für ein ein völlig unvorstellbares Konzept.

Heiler und Krieger sind zwei Seiten der gleichen Medaille

Wie schon in Kapitel 1 beschrieben, wurden durch die Jahrtausende der  gesellschaftlichen  Entwicklung bestimmte Wesenszüge bei Männern und Frauen gefördert und haben sich sicherlich auch in unserem Genmaterial niedergeschlagen. Mitgefühl und Gefühllosigkeit bringen wir sicherlich zu einem bestimmten Anteil schon mit. Aber, auch das haben wir mittlerweile verstanden, die Umwelt spielt dann eine große Rolle dabei, welche Eigenschaften wir in uns ausprägen. Üblicherweise sollten Männer bisher nicht mitfühlend und sensibel auf andere Menschen reagieren, Frauen sollten nicht lernen zu kämpfen und für sich einzustehen. Vielmehr sollten sie lernen, die jeweils unerwünschte Seite in sich selber zu unterdrücken und sich selber dafür zu verachten, wenn sie diese Seite an sich selber entdecken. So sind dysfunktionale Familiensysteme und seelische Erkrankungen bei Männern und Frauen entstanden. Denn seelisch gesund kann ein Mensch nur sein, wenn er seinem ureigensten Wesen gemäß sein darf. Dann kann er fürsorglich und kämpferisch zugleich sein, je nachdem was die Situation erfordert.

Den Krieger als Teil von sich akzeptieren

Was der Fee fehlt, ist der kriegerische Anteil, der ihr hilft, sich gegen andere zu behaupten. Der alte Mann in meinem Märchen stellt die für die kleine Fee zunächst am wenigsten bedrohliche Variante des Kriegers dar: ein weiser, alter Mann, der ihr den guten Rat gibt, den ihr ihre Mutter nicht geben konnte. Sich auf die Suche zu machen nach anderen Wesen, andere Sichtweisen kennenzulernen und so sowohl ihre Vergleichsmöglichkeiten, als auch ihr Handlungsrepertoire zu erweitern. Für die Fee ist dies ein neuer unbekannter Weg. Denn bisher hat sie vor allem das getan, was andere von ihr erwarteten.

Sein Leben nach eigenen Vorstellungen gestalten

Die Lösung für alle Probleme der kleinen Fee, besonders aber für die, die sie aus ihrer Kindheit als getarnte Fee mitgebracht hat, ist, die Verantwortung für ihr Leben nun zu 100 Prozent selber zu übernehmen. Damit ist nicht gemeint, die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass sie getan hat, was ihre Mutter von ihr verlangt hat. Als Kind konnte sie es nicht besser wissen, sie war darauf angewiesen, dass die Mutter ihr sagte, was zu tun sei.  Aber jetzt, wo sie selber erwachsen ist, kann und muss sie alles, was sie gelernt hat, daraufhin überprüfen, wie hilfreich es für ihr Leben ist. Mit den ersten zaghaften Versuchen, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten, beginnt das neue, und diesmal unzerstörbare, Zauberkleid zu wachsen.