Der Fuchs und die kleine Fee, Kapitel 7 – Der Fuchs und Die-die-alles-weiß

Der Fuchs flüchtet sich nach seinem Weggang in die Sicherheit seines alten Lebens als Anführer seiner Familie. Er redet sich und den anderen ein, dass er von der kleinen Fee verzaubert worden sei und es ihm nun gelungen sei, sich von ihr zu befreien. Er erledigt wieder wie vorher alle seine Aufgaben wie ein ordentlicher Fuchs. Nur manchmal träumt er von der kleinen Fee, und irgendwie spürt er, dass sich irgendetwas verändert hat. Bei seiner Familie trifft er damit nur auf Vorwürfe, Spott und Gelächter. Bei einem erfolglosen Jagdausflug wird er schließlich müde und legt sich unter einen alten Baum zum Schlafen. Als er erwacht, sitzt eine alte Frau neben ihm. „Die-schon-immer-da-ist-und-die-alles-weiß“ zeigt Verständnis für seine Verwirrung. Sie stellt ihm eine Frage, mit der sie ihn dazu bringt, über das Geschehen aus einer anderen Perspektive nachzudenken. Mit diesem neuen Gedanken kehrt er zurück zu seiner Familie, deren Ungeduld mit seinen Geschichten dadurch aber nur noch größer wird. Langsam wächst in ihm die Angst, kein ordentlicher Fuchs mehr zu sein.

Krieger haben es schwerer als Heiler, ihre Verhaltensmuster in Frage zu stellen

Im Gegensatz zur kleinen Fee stellt der Fuchs sich selber oder sein Verhalten nicht in Frage. Im Gegenteil, er dreht die Geschichte so, dass er als das Opfer dasteht und seine Familie bestärkt ihn darin. Die Bedeutung der kleinen Fee für den Fuchs wird auf diese Weise minimiert oder gar gänzlich verleugnet. Wenn im realen Leben eine Beziehung zwischen einem Krieger- und einem Heilertyp zu Ende geht, ist das häufigste Szenario, dass der Krieger alles tut, um als Sieger aus der Sache herauszugehen. Wenn das nicht funktioniert, wird er sich zumindest selber als Opfer inszenieren, dem anderen die Alleinschuld zuschreiben, um selber auf keinen Fall als Verlierer dazustehen. Für Beobachter von außen sind solche Situationen sehr schwer zu durchschauen, weil Krieger sich lautstark in Szene setzen, auch vor Lügen und Verdrehungen nicht zurückschrecken, während die Heiler meistens anfangen, sich zu rechtfertigen, oder die Schuld bei sich selber zu suchen.

Verletzlichkeit und Schwäche dürfen auf keinen Fall gezeigt werden

Um einen Kriegertyp zu verstehen, ist es wichtig, sich seine (oder ihre) Sozialisation anzusehen. Er hat sehr früh gelernt, lautstark und selbstbewusst einzufordern, dass seine Bedürfnisse erfüllt werden. Dadurch ist in ihm ein Gefühl von Überlegenheit entstanden, das durch nichts gefährdet werden darf. Anderen nachzugeben bedeutet, der Verlierer zu sein. Zugeben zu müssen, dass er etwas nicht bekommen kann, ist deshalb für den Kriegertyp existenziell bedrohlich. Die Angst und die Wut, die in so einer Situation hochsteigen, müssen sofort und radikal ausgelöscht werden. Das funktioniert nur, indem der Gegner, oder derjenige der diese  Gefühle ausgelöst hat, vernichtet wird. Oder wie im Fall der kleinen Fee, indem dessen Existenz geleugnet wird.

Den Heiler als Teil von sich akzeptieren

Was dem Fuchs fehlt, ist der weibliche, mütterliche Anteil, der ihm hilft, wenn er sich eingestehen muss, dass auch er nicht unverletztlich oder unfehlbar ist. Der ihn nicht auslacht, wenn er zugibt, dass er etwas nicht kann oder weiß. Die alte Frau in meinem Märchen stellt, ähnlich wie der alte Mann, dem die Fee begegnet, die weibliche Variante des Heilers dar, die für den Fuchs am wenigsten bedrohlich erscheint. Dass sie nicht versucht, ihn zu belehren, sondern ihm durch eine geschickte Fragestellung nur einen Impuls zum Nachdenken gibt, ist für den Stolz des Fuchses zumindest erträglich. Als er an diesem Tag nachhause kommt und von seiner Familie mit Vorwürfen empfangen wird, ist er zum ersten mal in der Lage zuzugeben, dass auch er nicht alles weiß und auch nicht unbedingt wissen muss. Dass auch er erst auf der Suche ist nach anderen Antworten. Aber diese neue Erfahrung erschreckt ihn auch zu Tode, denn in seiner Überzeugung wird ihn seine Sippe verstoßen, wenn sie herausfinden, dass er schwach und verletzlich ist.

Kleine Schritte gehen

Wenn Sie also mit einem Krieger zu tun haben, halten Sie sich vor Augen, dass er genau wie ein Heiler Schritt für Schritt andere Verhaltensweisen lernen muss. Für Heiler, die sich sowieso ständig selber hinterfragen, ist es leichter anzunehmen, dass sie an ihrem Verhalten etwas ändern müssen, wenn sie wollen, dass ihr Leben sich verändert. Für Krieger hingegen sind all die therapeutischen Techniken, mit denen man lernt, sich in sich selber zu vertiefen und Antworten im eigenen Inneren zu finden, völliger Unsinn, den nur schwache Menschen oder psychisch Kranke brauchen. In Erwägung zu ziehen, dass aus dem eigenen inneren Bilder auftauchen könnten wie die alte Frau, ist für einen Krieger ein großer Schritt.