Der Fuchs und die kleine Fee, Kapitel 1 – Flucht in die Stadt

Der Fuchs und die kleine Fee begegnen sich

Meine Geschichte beginnt in der paradiesischen Zeit der Kindheit, die sich für alle Menschen so gestaltet, wie sie (vielleicht) einmal war. Das Leben ist ein großes wunderbares Abenteuer, alle Wesen sind vom Grundsatz her freundlich, man hilft sich gegenseitig und achtet die anderen in ihrer Eigenart. Die kleine Fee und ihre Mutter leben in ihrem Zauberwald, bis ein Krieg beginnt. Die Mutter weiß keinen anderen Rat, als in die Stadt zu fliehen, sich dort als Mensch auszugeben und auch von ihrer Tochter zu verlangen, dass sie ihr Zauberkleid ablegt und ihr wahres Wesen verbirgt.

Fortan leben sie unerkannt unter den Menschen. Das Unglück für die kleine Fee wird noch größer, als die Mutter krank wird und stirbt, obwohl das Kind alles getan hat, was in ihrer Macht stand, um sie am Leben zu erhalten. Nach dem Tod der Mutter ist aber auch der Krieg zu Ende, und die kleine Fee wagt sich wieder hinaus ins Leben. Sie begegnet dem Fuchs, den sie noch aus ihrem alten Leben im Wald kennt. In ihrer Freude, einem bekannten Wesen zu begegnen, zeigt sich sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder so, wie sie als Kind war: strahlend, vertrauensvoll, offen, zärtlich.

Dem Fuchs wiederum ist es auf seine Weise ähnlich gegangen wie der kleinen Fee. Auch er lebte einst im Zauberwald, wo jeder jeden kannte, wo man sich half und respektierte. Auch er wurde aus seiner Heimat vertrieben und musste unter den Menschen sein Dasein fristen. Allerdings hatte er von Anfang an eine andere Rolle, nämlich die des Anführers, des klugen Familienoberhauptes, der seine Verantwortung sehr ernst nahm. So ist er zwiegespalten, als er die kleine Fee aus seiner alten Heimat trifft. Ist sie es, oder ist sie es nicht? Kann er ihr trauen oder nicht? Er bittet sie ihm zu beweisen, dass sie die kleine Fee sei. Voller Eifer holt sie daraufhin ihr altes Zauberkleid und legt es an. Aber der Fuchs bleibt skeptisch. Er entscheidet sich zunächst, ihr nicht zu glauben und stößt damit, ohne es zu beabsichtigen, den Entschluss der kleinen Fee an, in ihren Zauberwald zurückzukehren.

Das Zauberkleid oder alle Kinder sind unschuldig

In meinem Märchen steht das Zauberkleid für das unschuldige Wesen der Kinder. Wenn Sie sich ein ganz kleines Kind ansehen, dann erleben Sie diese reine, unschuldige Erwartung, mit der die kleine Fee dem Fuchs begegnet. Das Kind strahlt uns an, ohne uns zu kennen, es erwartet ganz einfach, dass das Gegenüber zurückstrahlt. Das Lächeln eines Kindes ist deshalb für alle so unwiderstehlich. Aber dieses kleine Kind drückt auch alle anderen Emotionen völlig unverstellt aus. Es schreit, wenn es Angst hat, es weint, wenn es traurig ist, es reagiert völlig unmittelbar auf alle Eindrücke aus der Umwelt. Es hat noch nicht gelernt, sich zu verstellen. Ein kleines Kind kann auch noch nicht bewußt und bösartig manipulieren. Erst im Laufe der Zeit lernt es, anhand der Reaktionen seiner Versorgungspersonen, welches Verhalten welche Reaktionen hervorruft. Und da jedes Lebewesen nur ein Ziel hat, nämlich zu leben, tut ein Kind alles, um die „richtigen“ Reaktionen einzusetzen. Das Kind ist natürlich noch nicht in der Lage, bewußt einzuschätzen, ob es gesellschaftliche Regeln verletzt, oder welche Auswirkungen sein Verhalten in der langfristigen Wirkung auf andere Menschen hat. Es kann nur durch Ausprobieren herausfinden, wie es sich im Moment verhalten muss, um andere dazu zu bringen, seine Bedürfnisse zu stillen. In seiner Hilflosigkeit ist es zunächst auf die Versorgungspersonen angewiesen, die ihm sagen, was es tun soll.

Das Paradies – ein schönes Märchen oder evolutionäre Wirklichkeit?

Wir wissen nicht, ob es in der Geschichte der Menschheit tatsächlich einmal eine Zeit gegeben hat, wo die Menschen in Frieden lebten. Viele Märchen und Mythen, die zum Teil über Jahrtausende weitergegeben wurden, deuten darauf hin. Es kann natürlich sein, dass irgendwann vor Urzeiten, als der Mensch als Spezies in einem sehr frühen Entwicklungsstadium war, tatsächlich die Fürsorglichkeit füreinander größer war. Oder dass das Überleben der Gruppe vom Überleben jedes Einzelnen abhing, und deshalb Menschen natürlicherweise freundlich und hilfsbereit waren.

Die Vertreibung aus dem Paradies

Irgendwann aber scheinen die Menschen entdeckt zu haben, dass es einfacher ist, anderen Menschen die Früchte ihrer Arbeit gewaltsam abzunehmen, als sich selber abzumühen. Der Krieg wurde erfunden. Um in dieser neuen feindlichen Umwelt zu überleben, waren die Menschen gezwungen, ihr bis dahin offenes und vertrauensvolles Verhalten zu ändern. Zwei Varianten erwiesen sich dabei als besonders erfolgreich, und dafür stehen in meinem Märchen die beiden Antagonisten. Die Feen beschlossen, ihr wahres Wesen zu verbergen und möglichst nicht aufzufallen. Da für andere zu sorgen ihr natürliches Wesen am besten spiegelt, kümmern sie sich zuhause um die Kranken und Schwachen. Die Füchse, die schon immer kämpfen und jagen mussten, um sich zu versorgen,  lernten, grundsätzlich allen zu mißtrauen und noch fordernder aufzutreten, um nur ja keinen Zweifel an ihrem Führungsanspruch aufkommen zu lassen.

Heiler und Krieger – oder „Fight or Flight“

In moderne Begriffe übersetzt heißt das, dass die einen eher defensiv und die anderen eher aggressiv auftreten. Wir alle kennen diese Typen aus unserem Alltag. Die Heiler, die immer für die anderen da sind, die helfen und trösten, wenn Not am Mann ist und dabei möglichst im Hintergrund bleiben. Ihr Gegenpol sind die Krieger, die sich immer in den Vordergrund stellen, die ohne Rücksicht auf Verluste voranstürmen und alles niedermetzeln, was sich ihnen in den Weg stellt. Wir alle kennen auch die Rollenzuschreibungen, die den Frauen eher die Heilerrolle zuteilt und den Männern eher die Kriegerrolle. Natürlich gibt es von beiden Strukturen viele Mischformen und Variationen. C.G. Jung hat sie mit seinen Archetypen sehr schön beschrieben. Und ob es uns gefällt oder nicht, bringen wir diese Muster zunächst einmal mit und leben sie in der einen oder anderen Form nach.

Survival of the fittest – es überlebt, wer am besten angepasst ist

Das vielzitierte und mittlerweile auch korrekt übersetzte Zitat von Charles Darwin trifft nicht nur auf den einzelnen Menschen, sondern auch auf den Menschen als Spezies zu. Für die Spezies Mensch war die Entwicklung zum kriegerischen Menschen ein ganz klarer Überlebensvorteil. Dass den Frauen neben Sorge für den Nachwuchs auch die Pflege der Kranken und Verwundeten zugeteilt wurde und den Männern die Eroberung von Lebensraum, hat sich gelohnt. Der Mensch hat es geschafft, sich in vergleichsweise kurzer Zeit über den ganzen Erdball auszubreiten.

Der Krieg funktioniert nicht mehr

Dass der Krieg nicht mehr so wirklich funktioniert, weil wir durch die Effizienz der modernen Waffen Siege über den „Feind“ immer mit unvorstellbar hohen eigenen Verlusten bezahlen, haben wir im 20. Jahrhundert begonnen zu verstehen. Am deutlichsten aber wurde uns spätestens mit dem Einsatz der ersten Atombomben, dass keiner gewinnen kann, wenn wir den gesamten Lebensraum Erde zerstören. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges begannen überall auf der Erde, Menschen ihr Verhalten zu hinterfragen. Jetzt im 21. Jahrhundert sehen wir bereits erste Ergebnisse der evolutionären Entwicklung. Überall sind Männer und Frauen dabei, ihre Rollenzuschreibungen und die daraus resultierenden Herrschaftsverhältnisse zu verstehen und mit neuen Verhaltensweisen zu experimentieren. Dass dabei viel Mißtrauen und Unverständnis sowohl für das eigene wie auch das andere Geschlecht im Spiel sind, ergibt sich aus der langen, langen Zeit, in der beide Geschlechter ihre bisherigen Rollen gespielt haben. Für Männer und Frauen ist die Problematik dabei unterschiedlich.

Frauen lernen von den Müttern

Viele Frauen kennen das Phänomen, dass sie der Mutter nahestanden, solange sie kleine Kinder waren. Diese Mütter verlangten dann aber von ihren heranwachsenden Töchtern, ihre wahre Natur zu verbergen, „ihr Feenkleid abzulegen“, so wie sie selber dazu gezwungen worden waren. Je älter die Töchter werden, desto weniger dürfen sie sich spontan und unverstellt so zeigen, wie sie wirklich sind. Für „weibliches“ Verhalten gelten auch heute noch bestimmte Standards, die von Generation von Generation weitergegeben worden sind. Und Mütter fordern es nach wie vor von ihren Töchtern ein, obwohl sie selber darunter gelitten haben. Diese Mütter sterben zwar nicht physisch, so wie die Mutter in meinem Märchen, aber sie sind für ihre Töchter emotional keine Stütze mehr. Und noch weniger sind sie in der Lage ein Vorbild für ein freies und selbstbestimmtes Leben zu sein. Väter, die das Kind verteidigen, gibt es in dieser Welt nicht, denn die Männer überlassen Töchter ganz den Müttern. Sie und die Söhne haben andere Aufgaben.

Männer lernen von den Vätern

Die Männer werden sich vielleicht in der Figur des Fuchses wieder erkennen. Auch sie werden von Anfang an in ein bestimmtes Verhalten gezwungen, selbst wenn sie vielleicht ganz andere Bedürfnisse hätten. Sie müssen schon früh die Verantwortung für die Gruppe übernehmen und lernen, die zärtliche Unschuld des Kindes als weltfremd zu belächeln, oder als Lüge zu verurteilen. Ihnen steht kein verständnisvolles Wesen zur Seite, das ihnen Mut machen würde, sich diese kindliche Zärtlichkeit zu bewahren. Im Gegenteil, noch bis vor wenigen Jahrzehnten war es üblich, Jungen spätestens mit Beginn der Pubertät ihren weiblichen Bezugspersonen zu entziehen, um sie nicht zu „verweichlichen“.

So wird die Begegnung zwischen den Geschlechtern wie für die Helden in meinem Märchen der Beginn eines großen Abenteuers, in dem die Probleme durch Erziehung, Rollenzuschreibungen und  gesellschaftliche Erwartungen im wahrsten Sinn des Wortes vorprogrammiert sind. Aber sie bergen eben auch die große Chance eines neuen Verständnisses und einer Neubewertung des erlernten Verhaltens.

Wie es weitergeht, erfahren wir dann im 2. Kapitel…