Der Fuchs und die kleine Fee, Kapitel 4 – Der Zauberspiegel

Die kleine Fee kann nicht glauben, dass der Fuchs sie verlassen hat. Zunächst sucht sie die Schuld bei sich selbst, macht sich Vorwürfe, weil sie ihn angezweifelt hat. Sie versinkt in Selbstmitleid und lässt sich durch nichts trösten. Solange, bis sie bemerkt, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmt. Bei einem Blick in ihren Spiegel erkennt sie, dass ihr Zauberkleid verschwunden ist, und ihr Spiegelbild eine ganz gewöhnliche Frau zurückwirft. Voller Entsetzen fragt sie die Frau, was sie falsch gemacht habe. Ihr Spiegelbild antwortet ihr, dass sie sich nur um ihren Freund, den Fuchs gekümmert habe, und dabei nicht gut für sich selber gesorgt habe. Hätte ihre Mutter noch gelebt, hätte sie ihr sagen können, dass eine erwachsene Fee sich sorgfältig mit schönen Dingen nähren müsse, um ihr Zauberkleid zu bewahren. Die kleine Fee beginnt zu verstehen, dass sie nun ihr Schicksal in ihre eigenen Hände nehmen muss. Auch den Hinweis der Frau im Zauberspiegel, dass ihr Freund, der Fuchs, nur dann mit ihr zusammen sein könne, wenn er selber ein Zauberwesen würde, nimmt sie dankbar an.

Opfer- und Täterrollen erkennen und darüber hinauswachsen

Der Ausweg aus der Beziehungsfalle, in die unsere beiden Helden getappt sind, ist, die grundlegenden Beziehungsmuster zu erkennen. Dieser Erkenntnisprozess wird natürlich dadurch erschwert, dass die alten Rollen der Heiler und Krieger sich als wünschenswerte Verhaltensweisen tief in das menschliche Bewusstsein eingegraben haben. Solange jeder Anerkennung und seine persönliche Erfüllung darin fand, waren diese durchaus in Ordnung. Doch die veränderten Lebensbedingungen, die wir uns durch die Entwicklung von Technik und Wissenschaften geschaffen haben, erfordern nun ein Umdenken. Die Arbeitsteilung zwischen Heilern und Kriegern wird in Zukunft nicht mehr funktionieren. Dass diese Entwicklung bereits im Gange ist, erkennen wir daran, dass sowohl Frauen als auch Männer mit ihren bisherigen Lebensmustern nicht mehr zufrieden sind. Frauen wollen mehr in der Aussenwelt mitbestimmen, Männer wollen mehr am Familienleben teilhaben. In diesem Umbruch fühlen sich beide wechselseitig als Opfer und erkennen nicht, dass sie dem jeweils anderen als Täter erscheinen.

Der Weg der Heiler bzw. der Frauen

Auch wenn es überwiegend die Frauen waren, die bisher die Heilerrolle eingenommen haben, gibt es sicher auch viele Männer, die sich in dem Verhalten der kleinen Fee wiedererkennen. Heiler sind immer bemüht, andere zufriedenzustellen, und gehen dabei oft weit über ihre eigenen Grenzen hinaus. Für sich selbst zu sorgen haben sie nicht gelernt, denn schon als Kind haben sie meist für die Eltern in irgendeiner Form die Erwachsenenrolle übernommen. Ob das nun als der kleine Sonnenschein war, der immer für gute Stimmung sorgte, der Sündenbock, der für alles die Schuld bekam, oder die unbezahlte Haushaltshilfe, der man alle lästigen Arbeiten aufbürden konnte, immer waren sie verantwortlich. Sie hatten keine Eltern, die sie gelehrt hätten, dass sie auch und vor allem für sich selber sorgen dürften, niemanden der ihre Bedürfnisse wahrgenommen hätte. Sie haben verinnerlicht, dass sie nur dann wertvoll sind, wenn sie für andere da sind und keine anderen Interessen haben. Weil die Fürsorglichkeit aber auch ihrer genetische Veranlagung ist, brauchen sie meist sehr lange, bis sie erkennen, dass sie ausgenutzt werden.

Lernen, allein im Außenleben zu bestehen

Um in den veränderten Lebensumständen zurechtzukommen ist es aber für Frauen wichtig, sich nun auch ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Dass Frauen dabei ganz andere Arbeitsmodelle entwickeln müssen, die ihrem Frausein gerecht werden, ist völlig klar. Und dass so ein Entwicklungsprozess mit Angst und Schmerzen verbunden ist, liegt auch in der Natur der Sache. Die kleinen Feen können sich diesen Weg ein bißchen leichter machen, wenn sie sich darüber bewußt sind, dass sie Pionierarbeit leisten. Dass es eben für dieses erwachsene Feenwesen keine Vorbilder gibt und – dass es für die Füchse genauso schwierig ist, ihr bisheriges Lebensmodell hinter sich zu lassen :).