Der Fuchs und die kleine Fee, Kapitel 10 – Der Fuchs in der Mitte

Auf dem weiteren Weg durch die Höhle begegnet der Fuchs noch einer ganzen Reihe von Wesen wie dem Schmerz, dem Mitgefühl, der Trauer, dem Mißtrauen, dem Neid oder der Freude, die er alle im Laufe seines Lebens ignoriert hatte. Auch wenn es ihm nicht leicht fällt, folgt er diesem Weg und lernt sie alle kennen. Am Ende des Weges findet er zu dem Ort in der Mitte des Berges, für dessen Schönheit er keine Worte findet. Er erkennt, dass er damit gefunden hat, wonach er gesucht hat. Die Liebe, die ihn hier umfängt, ist der strahlende, wärmende Kern, der alle anderen Wesen nährt. Voller Dankbarkeit bleibt er lange Zeit an diesem Ort, bis seine alten Wunden geheilt sind.

Der Weg zum Glück führt ausschließlich über das (An)-erkennen des eigenen Wesens

Dem Fuchs wird nach und nach bewusst, wieviele Anteile seines eigenen Wesens er unterdrückt hatte, um in der Gesellschaft bestehen zu können. Alle Gefühle sind in unserer Gesellschaft mit Werturteilen und Erwartungen belegt. Und je nachdem, welche Bewältigungsstrategien ein Mensch für sein Überleben gelernt hat, wird er sie offen ausleben, unterdrücken und/oder vor anderen (und sich selbst) verleugnen. Aber Glück, dieses allumfassende Gefühl der Zufriedenheit,  fühlt der Mensch immer nur dann, wenn er sowohl mit sich selber als auch mit seiner Umwelt komplett im Reinen ist. Der Körper schüttet dann jede Menge Glückshormone aus und wir fühlen uns stark und leistungsfähig.

Die Unterdrückung von Gefühlen führt in die Depression

Jeder von uns kennt das, so wie jeder von uns weiß, wie dieses Glück getrübt wird, wenn wir dabei nicht aufrichtig und offen unsere Gefühle zeigen dürfen. Müssen wir unsere Gefühle über längere Zeit hin unterdrücken, oder dürfen sie nicht zeigen, können wir kein Glück mehr fühlen und der Körper reagiert darauf mit Stresshormonen. Unser Erleben reduziert sich mehr und mehr, bis wir schließlich in das dunkle Loch einer Depression fallen.

Depression ist nicht gleich Depression

Die Depression kann sich bei Heilern anders äußern als bei Kriegern. Sind es bei den Heilern hauptsächlich Ohnmachtsgefühle, die sich immer mehr verstärken und alle anderen Gefühle blockieren, sind es bei den Kriegern die Verbitterung und die Wut, die zunehmen. Das Ergebnis ist genau das gleiche. Beide fühlen sich belastet, können nicht mehr unbeschwert das Leben genießen, können kein Glück mehr fühlen.

Die Liebe ist das einzig wirksame Heilmittel

Sich einzupassen in die Gesellschaft in die er hineingeboren wird, ist für jeden Menschen zunächst Grundvoraussetzung. Denn ohne die anderen kann er nicht überleben. Die Liebe, dieses Band, mit dem Mutter und Kind im Normalfall miteinander verbunden sind, ist deshalb auch das erste und stärkste Gefühl, mit dem wir in die Welt kommen. Sie ist in der menschlichen Spezies der Überlebensgarant. Selbst wenn man das „nur“ von der wissenschaftlichen Seite her sieht, erkennt man, dass das Lächeln eines kleinen Kindes, seine Augen, die voller Liebe strahlen, in uns Erwachsenen normalerweise starke Gefühle der Freude und Hinwendung auslösen. In der Wissenschaft hat  man dafür das Hormon Oxytocin ausgemacht, das wohl in allen vertrauensvollen Beziehungen eine große Rolle spielt.

Die Liebe muss von innen kommen

Im Laufe unseres Lebens verlernen wir oft, diese Liebe, die natürlicherweise aus unserem inneren Wesen kommt, zuzulassen. Zu oft haben wir erlebt, dass andere unsere Liebe nicht zurückgespiegelt haben, so wie wir das als kleines Kind erwartet haben. Wie in früheren Kapiteln schon erläutert, ist Liebe und Mitgefühl in einer Kriegsgesellschaft bei den Heilern zwar erwünscht, aber bei den Kriegern eben kein Überlebensvorteil. Dadurch sind in der menschlichen Gesellschaft Verhaltensmuster entstanden, die unser ursprüngliches Vertrauen zerstören oder nur in verkrüppelter Form weiter leben lassen. Sich die Liebe zu bewahren, ohne sie vom Gegenüber zurückzubekommen, ist deshalb extrem schwer. Aber es ist die einzige Möglichkeit, die Kriegsgesellschaft langsam in eine Friedensgesellschaft zu verwandeln. Mit dem christlichen Glauben wurde diese Entwicklung in der westlichen Welt vor mehr als 2000 Jahren gestartet, aber auch in vielen anderen Religionen ist das Streben nach Glück in Verbindung mit Mitgefühl und Barmherzigkeit der angestrebte Weg. Vermutlich wird es aber in der Evolution noch sehr lange dauern, bis sich diese Verhaltensweisen etabliert haben, die ein friedliches Zusammenleben fördern. Voraussetzung ist, dass möglichst viele Menschen ganz bewusst lernen, diese Liebe, die von innen kommt, zuzulassen und (zunächst) ohne Erwartungen zu zeigen. Nur dann besteht die Chance, anderen zu begegnen, die darauf ebenfalls mit Liebe reagieren und sich so offene und vertrauensvolle Beziehungen entwickeln.