Künstlerin, Pädagogin, Autorin – wie alles kam

 

Wenn ich zurückblicke auf mein Leben, staune ich oft selber, wie ich eigentlich zu der geworden bin, die  ich heute bin. Die Kunst schien mir jedenfalls nicht in die Wiege gelegt worden zu sein. Zumindest dachte ich das selber lange Zeit. Aber ganz offensichtlich kam dann doch alles ganz anders.

Die Lehrer-Familie und meine erste Begegnung mit der Kunst

Begonnen hat alles mit meinen Großeltern mütterlicherseits. Meine Oma war die Tochter einer wohlhabenden Geschäftsfamilie und führte schon in jungen Jahren das elterliche Geschäft. Geheiratet hat sie dann aber einen Lehrer und ist mit ihm nach Sulzbach-Rosenberg gezogen. Und obwohl sie in ihrem neuen Heimatort  ein eigenes Geschäft aufbaute und damit nach dem 2. Weltkrieg ihre Familie durch die Zeit brachte, als mein Opa Berufsverbot hatte, setzte sich der Lehrerberuf in unserer Familie als Lebensmodell durch. Der Bruder meiner Mutter wurde Lehrer und meine Mutter heiratete einen Lehrer. Logischerweise drehte sich bei uns alles um Schule, und das Jahr in seinem Rhythmus wurde vom Schuljahr bestimmt. Eigentlich kein Wunder, dass in der folgenden Generation nicht nur meine Schwester, und fast alle meiner Kusins und Kusinen Lehrer und Lehrerinnen wurden. Und/Oder Lehrer und Lehrerinnen heirateten. Kein Wunder auch, dass ich diesen Beruf wählte. Irgendwie schien es dazu keine Alternative zu geben.

Trotzdem gab es natürlich schon erste Begegnungen mit der Kunst. Das war mir als Kind nur nicht bewusst. Der Bruder meiner Oma war ein sehr begabter Maler. Seine Bilder gehören zu meiner Kindheit ebenso wie die Musik meines Großvaters. Als Lehrer hatte er Schwerpunkt Musik und spielte selber sehr gut Klavier.

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Nicht müßig gehen: häkeln, stricken, nähen

Aber in der streng protestantischen Familie meiner Oma, war die Beschäftigung mit Dingen, die nicht unmittelbar dem Broterwerb dienten, nichts, worauf man stolz sein durfte. Eigentlich musste man sich eher dafür schämen, dass man seine Zeit damit verschwendete. „Nicht müßig gehen“ ist der Wahlspruch der uns alle durch unsere Kindheit begleitete, vielleicht in der Nachkriegszeit auch seinen Sinn hatte. Lob bekamen wir als Kinder, wenn wir uns nützlich machten. Entsprechend war meine erste schöpferische Tätigkeit mit vier Jahren das Stricken mit der Strickliesel. Dann folgten sehr schnell die ersten gehäkelten Topflappen, und schon bevor ich in die Schule kam, die ersten gestrickten Socken. Ich liebte Wolle, die bunten Farben, und was ich damit alles gestalten konnte. Dass das die ersten Hinweise auf ein künstlerisches Talent waren, wußte ich natürlich nicht.

Als ich älter wurde, war die nächste Stufe in meiner künstlerischen Entwicklung wieder etwas sehr Nützliches: ich nähte meine komplette Garderobe selber. Die Gestaltungsmöglichkeit mit Stoffen fesselte mich viele Jahre, bis ich wieder etwas brauchte: Bilder für unsere erste Wohnung. Obwohl meine Bildung in Bezug auf Gemälde sich auf das Wenige beschränkte, was wir im Kunstunterricht in der Schule gelernt hatten, wußte ich doch sehr genau, wie die Bilder aussehen sollten, die ich mir wünschte.

Besonders gut hatten mir die realistischen Ölgemälde von Rembrandt & Co. gefallen, aber auch Van Gogh fand ich wunderbar. Und natürlich die Bilder meines Großonkels, Landschaften und Stadtansichten aus der Oberpfalz oder  wunderschöne Blumenbilder.

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Malen, malen, malen

Aber die Kunstdrucke, die es zu kaufen gab, und die ich mir hätte leisten können, waren alle moderne Kunst. Kunstdrucke von Museumsbildern waren damals unerschwinglich teuer für mich.

Also blieb mir nur die eine Möglichkeit, meine Bilder selber zu malen. Nachdem ich mir schon Nähen autodidaktisch beigebracht hatte, war ich frohen Mutes, dass das doch auch mit dem Malen funktionieren sollte. Ich besorgte mir also Lehrbücher und versuchte in meiner spärlichen Freizeit als Referendarin mit Wasserfarben die Übungen in den Büchern nachzuvollziehen.

Noch heute amüsiert mich meine Naivität angesichts der Größe des Unterfangens. Aber vielleicht ist es mit der Kunst wie mit dem Kinder kriegen. Man weiß nicht, dass man sich damit eine lebenslange Aufgabe stellt. Der Wunsch nach dem Kind überstrahlt alle Bedenken, und die Freuden, die einem das Kind schenkt, lassen alle Mühen vergessen.

Eine Bekannte machte mich schließlich darauf aufmerksam, dass die Bilder die mir gefielen, mit Ölfarben gemalt seien. Ich werde nie den Moment vergessen, als ich zum ersten Mal rote Ölfarbe auf die Palette drückte. Diese Konsistenz, diese Leuchtkraft, unfassbar!

Nach und nach wurde mir auch klar, dass ich meinen Beruf als Gymnasiallehrerin nie ausüben wollen würde. Der Unterricht mit Angst und Druck sowohl auf Schüler- als auch auf Lehrerseite machte mir keinen Spaß.

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Malen und unterrichten

Nach dem 2. Staatsexamen 1985 arbeitete ich zwar noch eine Zeit lang als Deutschlehrerin für Asylbewerber, aber die Malerei wurde für mich immer wichtiger. Ich erlernte verschiedene Techniken, wie Aquarell- und Ölmalerei, Zeichnen mit verschiedenen Medien. Getreu dem Wahlspruch meiner Oma „Nie müßig gehen“ suchte ich nach Möglichkeiten, meine Leidenschaft für Malerei mit einem Broterwerb zu verknüpfen. Ich absolvierte ein Fernstudium bei der Studiengemeinschaft Darmstadt, wo ich mein Wissen über künstlerische Techniken und Gestaltungstheorie vertiefte. Nach meinem Diplom 1992 begann ich dann, an verschiedenen Volkshochschulen Malkurse zu geben.

Die Malkurse öffneten mir auch die Augen, wie vollkommen anders intrinsisch motiviertes Lernen funktioniert. Ohne Druck, dafür mit Freude und Eigeninitiative erreichten meine Malschüler sehr schnell sehr gute Ergebnisse. Auch die Schulkarrieren meiner vier Kinder die damals begannen, brachten mich dazu, mich mit unserem Schulsystem, der „herrschenden“ Pädagogik und mehr und mehr auch mit psychologischen Hintergründen zu beschäftigen. In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts bewegte sich hier in Bezug auf Forschung sehr viel, und viele der bis dahin üblichen Methoden wurden nicht nur von mir in Frage gestellt.

Neben den Kursen für Erwachsene gründete ich 1998 deshalb meine erste Kinder-und Jugendkunstschule an der VHS unseres Landkreises, denn ich wünschte mir nichts mehr, als Kindern zu ermöglichen zu lernen, was ich so liebte.

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Kunst und Psychologie

Als ich ab 1996 anfing, selber auszustellen, begann ich auch, mich mit den Arbeiten anderer Künstler zu beschäftigen. Ausstellung- und Museumsbesuche und unzählige Bücher über Kunst ließen mich verstehen, dass die Kunst meine wirkliche Berufung war. In die immaterielle Welt der Gefühle einzutauchen, und mit bildnerischen Mitteln für andere sichtbar machen zu machen, was ich im Inneren erlebte, wenn ich mich in unserer Welt umsah, das war, wofür ich brannte. Aber in der Gegenwartskunst fand ich mich da nicht wieder. Auch andere Künstler konnten mir nicht weiterhelfen, weil sie durch ihre Ausbildung völlig andere Herangehensweisen hatten. Ich musste mir die Kunst von meiner eigenen Perspektive, von meinem eigenen Erfahrungshorizont her erschließen.

Eine Ausbildung in Kunsttherapie kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Sie öffnete mir den Blick für meine eigene Geschichte, die Geschichte meiner Ahnen und wie wir Menschen zu dem werden, was wir sind. Wie wir uns selber im Weg stehen, aber auch, zu welchen Leistungen wir fähig sind, wenn wir uns etwas vornehmen. Jetzt konnte ich alle Fäden meines Lebens miteinander verknüpfen und die Kunst füllte sich für mich mit Inhalten, die es so noch nicht gegeben hatte. Der Ost-West-Dialog mit Roswitha Braun-Sauerstein war die erste künstlerische Arbeit  mit dieser neuen Herangehensweise und ist auch heute noch eine Arbeit, auf die ich unglaublich stolz bin.

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Künstlerische Projekte: Ost-West-Dialog und Traumpfad Magische Natur

Mit dem Ost-West-Dialog begann 1999 mein Leben als Künstlerin. Rosi und ich sind zwei diametral verschiedene Menschen, sowohl was unsere Herkunft aus Ost- und Westdeutschland als auch unsere Persönlichkeiten betrifft. In unseren Dialogbildern setzten wir uns mit diesen Unterschieden auseinander. In einem auf der Leinwand geführten stummen Maldialog und in Begleittexten, in denen wir jeweils unsere eigenen Standpunkte schriftlich niederlegten, machten wir innerpsychische Vorgänge einer Beziehung sichtbar. Die Arbeit zeigten wir 2001 in Chemnitz und Nürnberg und 2002 in Berlin. Sie bescherte uns einen Achtungserfolg, als die damalige Familienministerin Dr. Bergmann eines unserer Bilder für das Familienministerium kaufte.

Der Traumpfad Magische Natur, der kurz darauf entstand, war regionaler Natur. Gefördert vom Naturpark Veldensteiner Forst und der Stadt Sulzbach-Rosenberg entstand ein Kunst-Naturlehrpfad in einem Waldstück bei der Osterhöhle. 10 Bildtafeln thematisieren Naturerscheinungen, die man so vielleicht nicht wahrnehmen würde. Kunstpfade gibt es heute fast überall, aber 2002 war das ein komplett neuer Ansatz. Ich hatte daher keine Ahnung, ob die Farbtafeln Wind und Wetter standhalten würden, aber von jetzt ab sollte das Risiko der Pionierarbeit mein steter Begleiter sein. Ein Begleitmärchen für Kinder war damals übrigens meine erste Arbeit als Autorin.

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Künstlerische Projekte: Wunderhof und Farbenwald

Nach der nervenaufreibenden Arbeit am Traumpfad bat ich meine Familie, mich unbedingt davon abzuhalten, irgendwelche umkalkulierbaren Projekte zu starten. Was leider nicht funktionierte 🙂 Nachdem ich für mich selber erkannt hatte, dass die Kunst mein Weg war, nahm der Gedanke, einen Künstlerhof zu schaffen, mehr und mehr Gestalt an. Neben der Wohnung für meine Familie sollte ein Café dabei sein, in dem ich Gäste bewirten könnte, eine Kunstgalerie für Ausstellungen, mein Atelier, ein Seminarraum für pädagogische Angebote und ein großer Garten.

Zufällig stand genau zu dieser Zeit im Dorf meiner Kindheit das ehemalige Schusteranwesen zum Verkauf. Meine Familie und meine Freunde bestärkten mich darin, das Risiko einzugehen und den Hof zu kaufen. Schritt für Schritt entstand in den folgenden Jahren der “Wunderhof” auf dem ich heute lebe.  Mit seinen Angeboten ist er fester Bestandteil der Kultur- und Bildungslandschaft in unserem Landkreis.

Zeitgleich mit dem Wunderhof entstand auch die Idee für einen Farbenwald. Farben sind nicht nur für mich als Künstlerin absolut essentiell. Jeder Mensch wird von Farben beeinflusst, ganz egal ob er das merkt oder nicht. Deshalb wollte ich einen Ort in der Natur schaffen, wo Menschen die Farbe nicht nur in ihrer physischen, sondern auch in ihrer psychischen Wirkung erleben können. Der Farbenwald besteht aus 10 großen Farbstelen und wurde vom Freizeitpark Monte Kaolino und den Amberger Kaolinwerken beauftragt und in einem kleinen Wäldchen am Monte Kaolino aufgestellt. Leider hat die Gemeinde Hirschau die Pflege der Anlage nach einigen Jahren eingestellt, so dass der Farbenwald heute nicht mehr für Besucher zugängig ist.

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Arbeit als Autorin

Die Jahre, in denen ich den Wunderhof aufbaute, waren für mich geprägt von einem steten Ringen um meinen Weg. Meinen Platz als Frau in der Gesellschaft zu finden, Veränderungen im gesellschaftlichen Bewusstsein mit einzuleiten war Anlass für das Märchen „Der Fuchs und die kleine Fee“, das ich 2008 veröffentlichte. Michael Horn hat es für mich mit wunderschönen Zeichnungen illustriert. Da die Geschichte die unterschiedlichen Sichtweisen von Männern und Frauen thematisiert, war mir wichtig, dass durch ihn die männliche Sicht auf die Geschichte ebenfalls Platz bekam. Mit dem Buch waren wir 2009 auf der Buchmesse in Leipzig mit einer Lesung vertreten, die fast 1000 verkauften Exemplar freuten uns natürlich auch 🙂

Ein weiteres Buch folgte 2013, als ich mit meiner eigenen Jugendkunstschule auf dem Wunderhof, die ich 2011 gründete, immer mehr Kinder und Jugendliche erreichte. Es war mir ein Anliegen, dass sie die Inhalte aus meinen Kursen zuhause selber nochmal nacharbeiten konnten. „Zeichnen und Malen mit Pedro und Rosa“ ist auch die erste Zusammenarbeit mit meinen Söhnen Peter und Stephan Böhm. Dass der renommierte Gerstaecker Verlag das Buch in sein Sortiment aufnahm war in diesem Jahr unser absolutes Highlight.

Aus der Zusammenarbeit mit meinen Söhnen entstanden in den Folgejahren immer neue Projekte, mittlerweile hauptsächlich Websiten für Kommunen oder Unternehmen aus unserer Region, für die ich jeweils die Konzepte und Texte schreibe.

Die „Geschichte von Ahmed und Chanem“ ist ein weiteres Märchen, das ich bereits 1998 verfasst hatte, für das ich aber erst zwischen 2016 und 2017 eine Reihe von Illustrationen anfertigte. Viele der Illustrationen gibt es heute unter dem Label „Venia Design“ zu kaufen. Die Veröffentlichung steht für die nächsten Jahre ganz oben auf meiner Wunschliste.

Meeresprinzessin

Venia Design

Wir Menschen umgeben uns gerne mit schönen Dingen. Besonders Bilder von den Dingen, die wir lieben, inspirieren uns und schenken uns Kraft. Diese Prämisse war für mich immer der Beweggrund neben den Arbeiten, in denen ich mich mit meinen Lebensthemen auseinandersetzte, Bilder zu schaffen, die den Menschen gefallen. Dass ich mich damit in Gegensatz zur „herrschenden“ Kunst setze, ist mir bewußt. Aber wie immer in meinem Leben, kann ich auch hier nur meinen eigenen Weg gehen. Ich bin der festen Überzeugung, dass es in der Kunst, wie in anderen Lebensbereichen auch, nicht nur um das Aufzeigen von Problemen oder um Provokationen gehen darf. Es muss Menschen geben, die Oasen bewirtschaften und es muss Kunst geben, die beruhigt, inspiriert und Hoffnung macht.

Dank moderner Technik ist es heute auch möglich, Kunstdrucke von Künstlerarbeiten herzustellen, die in der der Qualität sehr nahe an die Originale herankommen, und doch bezahlbar sind.

Venia Design ist die Wortbildmarke, die mein Sohn Peter Böhm 2012 für mich entwickelte. Seit 2016 kommen dazu auch die schönsten Fotografien meines jüngsten Sohnes Stephan Böhm. „Venia“ (auch wenia, fine)  ist das keltische Wort für Familie und steht nicht nur für uns als Familie, sondern auch für den Zweck, den unsere Bilder erfüllen sollen. Die Motive, die wir für Venia Design aussuchen, eignen sich daher für alle Räume, in denen Menschen zusammenkommen und harmonisch und freundlich miteinander umgehen wollen.

Lebensfuelle