Standortbestimmung

Teil 1 – Künstlerische Standortbestimmung

Kunst als Raum für Veränderung

Ich sehe meine Aufgabe heute nicht mehr allein darin, Bilder zu malen. Ich gestalte Räume – physische wie geistige – und verbinde darin Kunst, Natur und menschliches Erleben. Dieser erweiterte Kunstbegriff ist nicht aus einer theoretischen Idee entstanden. Er hat sich über Jahrzehnte aus meiner eigenen künstlerischen Arbeit entwickelt. Meine Kunst begann als Möglichkeit, die Welt unverstellt wahrzunehmen. Sie wurde zum Instrument der Selbsterkenntnis, führte durch die Auseinandersetzung mit persönlichen und gesellschaftlichen Prägungen zur Dekonstruktion und schließlich zur bewussten Rekonstruktion. Heute verstehe ich Kunst als einen Raum, in dem Wahrnehmung sich verändern kann. Sie kann Erfahrungen sichtbar machen, neue Perspektiven eröffnen und Menschen ermutigen, den eigenen Weg selbstbestimmt weiterzugehen.

 

Bildnerische Arbeit: Transformative Gegenständlichkeit

In meiner eigenen bildnerischen Arbeit steht die gegenständliche Darstellung im Zentrum. Dabei verstehe ich Realismus nicht als bloße Abbildung der sichtbaren Welt. Für mich ist er ein Werkzeug der Wahrnehmung und der Zeugenschaft. Meine Arbeiten dokumentieren über Jahrzehnte eine persönliche Metamorphose: die Auseinandersetzung mit übernommenen Mustern, deren Sichtbarwerden und schrittweise Überwindung und den Weg zu einer selbstbestimmten Existenz. Die unterschiedlichen Bildsprachen und Techniken sind dabei keine voneinander isolierten Stilphasen. Sie spiegeln Veränderungen meines Verhältnisses zu mir selbst, zu anderen Menschen und zur Welt wider.

Expression, Abstraktion und Verformung ermöglichten mir zeitweise, innere Vorgänge sichtbar zu machen, die sich der gegenständlichen Darstellung entzogen. Die spätere Rückkehr zur Gegenständlichkeit war deshalb keine Rückkehr zum Ausgangspunkt. Sie war eine bewusste Rekonstruktion: Ich kehrte zur sichtbaren Welt zurück, aber mit den Erfahrungen und Erkenntnissen der vorherigen Entwicklungsphasen. Deshalb nenne ich meinen künstlerischen Ansatz heute „Transformative Gegenständlichkeit“.

 

Kunst als Dialog auf Augenhöhe

Durch die Wahl meiner Motive und den Wechsel zwischen unterschiedlichen Medien und Bildsprachen suche ich eine gemeinsame Verständigungsebene mit dem Betrachter. Ich möchte keine fertigen Weltdeutungen vorgeben. Ein Bild darf Fragen öffnen, Erinnerungen auslösen oder eine eigene Wahrnehmung anstoßen. Der Betrachter soll nicht einer Botschaft folgen müssen, sondern seinem eigenen Erleben begegnen können. Dieser Dialog auf Augenhöhe ist für mich ein wesentlicher Bestandteil meiner künstlerischen Arbeit.

 

Der Lebensgarten: Kunst wird begehbar

Mit dem Wunderhof und dem Lebensgarten hat sich dieser Gedanke über die Leinwand hinaus erweitert. Hier wird Natur nicht lediglich dargestellt, sondern selbst zum Bestandteil des künstlerischen Prozesses. Der Garten befindet sich in ständigem Wandel und verbindet Gestaltung, Naturbeobachtung und menschliches Erleben zu einem begehbaren Kunstwerk. Damit verschiebt sich auch meine Rolle als Künstlerin: Ich gestalte nicht mehr allein ein fertiges Objekt, sondern einen Raum, in dem Prozesse stattfinden können. Jeder Mensch erlebt diesen Raum anders und nimmt daraus das mit, was im eigenen Leben gerade Resonanz findet. Der Lebensgarten ist deshalb eine konsequente Weiterentwicklung meiner Malerei: Aus dem Bild als Raum für Wahrnehmung wird ein realer Raum für Erfahrung.

 

Von der Dekonstruktion zur Rekonstruktion

Die Auseinandersetzung mit meinen eigenen Prägungen hat mir gezeigt, wie eng persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Strukturen miteinander verbunden sind. Muster, die in Familien weitergegeben werden, entstehen nicht unabhängig von der Zeit und der Gesellschaft, in der Menschen leben. Meine künstlerische Arbeit hat mich deshalb immer wieder an die Grenze zwischen dem Persönlichen und dem Gesellschaftlichen geführt. Ich möchte jedoch nicht bei der Analyse von Verletzungen, Widersprüchen und Zerstörung stehen bleiben. Mich interessiert ebenso die Frage, was danach möglich wird. Für mich liegt darin eine wesentliche Aufgabe zeitgenössischer Kunst: nicht nur Bestehendes zu dekonstruieren, sondern auch Möglichkeiten für eine andere Form des Zusammenlebens sichtbar und erfahrbar zu machen. Meine Arbeit folgt deshalb dem Weg von der Dekonstruktion zur Rekonstruktion – von der Entfremdung zur Wahrnehmung, von der Anpassung zur Selbstbestimmung und von der Zerstörung zur bewussten Gestaltung.

 

Avantgarde als Erweiterung des Kunstbegriffs

Den Begriff Avantgarde verstehe ich dabei nicht als Stilbezeichnung und auch nicht als Anspruch auf Neuheit um ihrer selbst willen. Avantgardistisch ist für mich vielmehr die Bereitschaft, die Grenzen dessen zu hinterfragen, was Kunst sein und wo Kunst stattfinden kann. Meine Arbeit verbindet klassische Malerei mit zeitgenössischen Fragestellungen und erweitert das Bild in den Raum, in die Natur und in die unmittelbare Lebenswelt. Malerei, Lebensgarten, Naturlehrpfade und andere begehbare Arbeiten gehören für mich deshalb nicht zu voneinander getrennten Tätigkeitsfeldern. Sie sind unterschiedliche Ausdrucksformen derselben künstlerischen Haltung. Ich verstehe Kunst als eine Praxis, die Wahrnehmung verändert und dadurch Veränderung möglich machen kann. Gerade in einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche möchte ich mit meiner Arbeit zeigen, dass ein anderer Weg möglich ist: nicht die Verleugnung dessen, was schwierig ist, sondern die bewusste Auseinandersetzung damit – und anschließend der Mut, etwas Neues aufzubauen.

Kunst als Zeugnis

Was ich heute tue, ist aus einem langen persönlichen und künstlerischen Weg entstanden. Meine Werke dokumentieren diesen Prozess über mehrere Jahrzehnte. Ich verstehe dieses Werk deshalb auch als Zeugnis einer Zeit, in der sich Vorstellungen von Individualität, Familie, gesellschaftlicher Rolle, Natur und menschlicher Selbstbestimmung verändert haben. Wenn meine Kunst darüber hinaus Menschen ermutigt, die eigenen Prägungen zu hinterfragen, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen und den langen Weg der Veränderung selbst zu gehen, erfüllt sie für mich ihre eigentliche Aufgabe. Kunst ist dann nicht nur ein Gegenstand, den man betrachtet. Sie wird zu einem Raum, in dem Veränderung beginnen kann.

Expressiver Sonnenuntergang mit gelbem Himmel und violettfarbenen Wolken über einem gelben Acker und grünen Büschen
Impressionistisches Ölbild mit untergehender Sonne an einem Weiher
Aus einem nächtlichen Wald in Violettönen schauen zwei Augen zwischen Bäumen den Betrachter an.

Aus der Verbindung von künstlerischer Arbeit, Natur und jahrzehntelanger Vermittlung ist die Wunderhof-Methode entstanden. Was ich selbst im künstlerischen Prozess erfahren habe – Wahrnehmung zu schärfen, Vertrauen in die eigene Fähigkeit zu entwickeln, Fehler als Teil des Lernens anzunehmen und neue Wege auszuprobieren –, begegnet mir auch in meiner pädagogischen Arbeit immer wieder. Die Erfahrungen aus dem Unterrichten fließen umgekehrt in meine eigene Kunst zurück.

 

Teil 2: Die Wunderhof-Methode

Aus über 30 Jahren Lehrtätigkeit, insbesondere in meiner Jugendkunstschule auf dem Wunderhof, ist die Wunderhof-Methode entstanden – ein praxisnahes Konzept, das Kunst, Selbstwirksamkeit und Resilienz fördert und sich leicht in Schulen, Kunstschulen und Workshops übertragen lässt.
Die Methode nutzt die Verständlichkeit der gegenständlichen Malerei, um Lernende auf allen Ebenen zu fördern – emotional, kognitiv und motorisch. Gleichzeitig stärkt sie die mentale Stabilität und aktiviert das Gehirn, indem Hand, Auge und Emotion gleichzeitig angesprochen werden. Sie ist unabhängig vom Wunderhof selbst einsetzbar und kann von Lehrenden in jeder Einrichtung umgesetzt werden. Bücher, Lernkarten und kostenlose Videoanleitungen auf YouTube machen die Methode praxisnah, nachvollziehbar und inklusiv.

 

Vorteile der Wunderhof-Methode:

  • Selbstwirksamkeit stärken: Sichtbare Erfolge im künstlerischen Prozess fördern das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
    Resilienz aufbauen: Haptische und visuelle Prozesse unterstützen emotionale Stabilität und Stressregulation.
  • Kognitive Förderung: Aktivierung von Gehirnarealen, Unterstützung von Problemlösungsfähigkeit, Konzentration und neuroplastischem Lernen.
  • Einfach anwendbar: Lehrende können die Methode flexibel in verschiedenen Unterrichtsformen und Altersgruppen einsetzen.
  • Inklusiv und übertragbar: Materialien und Videos ermöglichen eine einfache Reproduktion der Methode in Schulen, Kunstschulen oder Workshops.

 

Einsatzbereiche:

  • Schulunterricht und kreative Projekte
  • Kunstschulen und Jugendkunstkurse
  • Workshops zur Persönlichkeitsentwicklung
  • Förderprogramme für kognitive und emotionale Kompetenzen

 

Kontakt

Möchten Sie die Wunderhof-Methode in Ihrer Einrichtung einführen oder mehr über kreative Bildung erfahren? Kontaktieren Sie mich gerne für Materialien, Schulungen und praxisnahe Unterstützung.

Abbildung der drei Pedro und Rosa Bücher
Blick ins Atelier von Evi Steiner-Böhm mit vorbereitetem Tisch für einen Malkurs