Die Auseinandersetzung mit der Natur in der Aquarellmalerei besitzt in der Kunstgeschichte eine lange Tradition. Die mir damals zugänglichen Arbeiten von Albrecht Dürer, wie das „Großen Rasenstück“ oder die „Akelei“ oder die wundervollen botanischen Zeichnungen von Maria Sibylla Merian, erweckten in mir eine tiefe Ehrfurcht. Ich wünschte mir nichts mehr, als das auch zu lernen.
So markieren diese Arbeiten aus den 1980er und 1990er Jahren den Aufbruch in eine eigene Welt. Aufgewachsen in einem familiären Umfeld, das stark von Nachkriegsanpassung, rationaler Nützlichkeit und sachlicher Zweckmäßigkeit geprägt war, galt das Zeigen von tiefem Empfinden gern als „hysterisch“. Genau aus diesem Grund wurde das Malen in dieser Zeit zu meinem persönlichen Schutzraum. Da das Aquarellieren keine harten Korrekturen erlaubt, sondern Hingabe an den Moment fordert, bot mir die Technik die Möglichkeit, meine Wahrnehmung der Welt völlig unverstellt zu zeigen – frei von Bewertung und Kritik.





22-36. Mohnblumen
24 x 32 cm, Aquarell, 1990
22-10. Blumenwiese,
42 x 56 cm, Aquarell, 1991
32-01. Alpenveilchen 1,
30 x 40 cm, Aquarell, 1993
32-59. Stilleben auf Stuhl,
42 x 56 cm, Aquarell,1992
2255. Löwenzahn,
30 x 30 cm, Aquarell, 1995
Zwischen 1995 und 1998 vertiefte ich das malerische Handwerk durch den Unterricht bei dem italienischen Maler Angelo Travi. Neben der klassischen Technik der Ölmalerei und einer fundierten Farblehre vermittelte er mir vor allem das Gespür dafür, den Menschen in Szene zu setzen. Kunsthistorisch faszinierte mich in dieser Phase die Lichtführung und die scheinbar mühelose, dynamische Pinselführung des Impressionismus – der sichtbare, lebendige Strich als Ausdruck des Augenblicks. Dadurch entdeckte ich in dieser Zeit auch Acryl für mich als Medium: die perfekte Mischung zwischen Aquarell und Öl.
Persönlich fiel diese Epoche mit einer intensiven inneren Umorientierung zusammen. Durch Impulse der damaligen Selbstfindungsbewegung – etwa die zentrale Frage von Louise Hay: „Ist das, was du sollst, auch das, was du willst?“ – wurde das Malen von Menschen zu einer tiefen phänomenologischen Innenschau. Das Porträtieren verwandelte sich in ein Erforschen meiner eigenen Identität: Wer bin ich jenseits der familiären Erwartungen? Definiere ich mich nur über die Beziehung zu anderen, und welche Rollen nehme ich ihnen gegenüber ein?
In dieser Phase entwickelte sich die Malerei von einer reinen Zuflucht zu einem unbestechlichen Instrument der Selbsterkenntnis. Das Gegenüber wurde mir zum Spiegel, in dem ich Schritt für Schritt lernte, meine eigene Wahrnehmung zu behaupten.





73-03. Alter Mann mit Hut
50 x 60 cm, Öl, 1995
71-35. Der Mayer Schmied
70 x 100 cm, Acryl, 1997
71-39. Pete und Simon
60 x 70 cm, Acryl, 1998
71-33. Marion
50 x 60 cm, Acryl, 1998
72-09. Shnyar
30 x 40 cm, Aquarell, 1997
Die Jahre zwischen 1998 und 2003 markieren den radikalsten Wendepunkt in meiner künstlerischen Arbeit. Während meiner Ausbildung in Kunsttherapie (1998–2000) trat ich erstmals ungeschützt in Kontakt mit den tief sitzenden Verhaltens- und Schweigemustern meiner Herkunftsfamilie. Ich lernte, meiner eigenen Wahrnehmung nicht nur zu vertrauen, sondern das Ungesagte auch schonungslos auszusprechen.
Technisch war diese Zeit vom Experimentieren mit dem blinden Konturenzeichnen geprägt. Der Verzicht auf die kontrollierende Hand-Auge-Koordination setzte eine ungeheure emotionale Wucht frei. Kunsthistorisch fand ich in dieser Ära meine Seelenverwandten in Vincent van Gogh und den deutschen Expressionisten, wo die Verformung der Linie und die Rohheit der Farbe nicht dem Schöngeistigen, sondern der inneren Wahrheit dienen. Wo trotz allem die figürliche Form an die Grenzen des Darstellbaren stieß, brach sich die Abstraktion Bahn. Zugleich wurde die Natur wie in meiner Kindheit erneut zum Zufluchtsort. Die Arbeiten dieser Werkphase spiegeln die Befreiung durch die schmerzhafte Demaskierung alter Muster und meine beginnende Autonomie.





71-29. Bruder und Schwester
100 x 130 cm, Acryl, 1999
71-05. Entsetzen
70 x 90 cm, Acryl, 1998
71-08. Selbstbewusstsein
80 x 100 cm, Acryl, 1998
11-04. Leidenschaft
100 x 150 cm, 2004
121-04. Schnecke
70 x 70 cm, Acryl, 2001
Zwischen 2003 und 2008 vollzog sich in meinem Leben eine tiefe Veränderung. Eine erneute Auseinandersetzung mit historisch gewachsenen Machtstrukturen, menschlichen Abgründen und eigenen seelischen Verletzungen verlangte nach einer grundlegenden Neuausrichtung. Der ab 1999 geführte und 2006 intensiv fortgesetzte Ost-West-Dialog mit meiner Kollegin Roswitha Braun-Sauerstein aus der ehemaligen DDR diente dabei als wesentliche Projektionsebene zur Aufarbeitung gesellschaftlicher und biografischer Prägungen. Tiefgreifende Erkenntnisse aus den Schriften Arno Gruens halfen mir, diese Entfremdungsmuster zu durchschauen und mich Schritt für Schritt von ihnen zu lösen.
Der Wunsch, diese Transformationserfahrung für andere erfahrbar zu machen, sprengte die zweidimensionalen Grenzen meiner bisherigen künstlerischen Arbeit. Mit dem Erwerb des Wunderhofs im Jahr 2003 und der Gestaltung des Lebensgartens entwickelte sich mein Werk zu einer begehbaren Rauminstallation – einem physischen Ort, an dem die Natur selbst als mitgestaltende Kraft wirken durfte. Kunsthistorisch verbinden sich in dieser Epoche Einflüsse der Land Art und der symbolistischen Abstraktion sowie Farblehre (wie in der Rauminstallation „Farbenwald“ von 2007).
Die Arbeiten dieser Werkphase sind nun nicht mehr Spiegel des inneren Schmerzes, sondern werden zu einer physisch erlebbaren Einbettung in einen größeren Zusammenhang.





11-18. Dankbarkeit – Die Liebe,
100 x 100 cm, Acryl, 2003
102-01. Skorpion und Schmetterling
80 x 100 cm, Acryl, 2005
101-17. Reise II
70 x 80 cm, Acryl, 2006
111-10. Indigo
70 x 120 cm, Acryl, 2001
Elfenhaus, Eingang
zum Lebensgarten 2005-2006
Mit dem Einzug auf dem Wunderhof begann ein neues Kapitel in meinem Leben und meinem künstlerischen Schaffen. Ich kehrte zur gegenständlichen Kunst zurück – nicht als Rückschritt, sondern als bewusster Akt der Nahbarkeit. Ich wollte für die Betrachter verständlich sein und einen gleichberechtigten Dialog auf Augenhöhe führen. Die Natur wurde erneut zum zentralen Bezugspunkt; das einst kindliche Mich-Einschwingen in die Umwelt verband sich nun mit einem rationalen Verständnis für die Projektion menschlichen Erlebens auf Naturerscheinungen. Parallel dazu brach sich eine wiedergewonnene Freude an bunten Farben Bahn, die sich insbesondere in den Illustrationen zum Buch „Die Abenteuer von Ahmed und Chanem“ ausdrückt.
Handwerklich bedeutet diese Phase auch eine Rückbesinnung auf die klassische Maltradition: Das Schichten der Ölfarbe auf echtem Kreidegrund den ich in den letzten Jahren für mich entdeckt habe, trägt eine zutiefst metaphysische Komponente in sich. Der physische Prozess des Grundierens, Wartens und schichtweisen Aufbaus spiegelt die schrittweise Rekonstruktion und Erdung meiner eigenen Biografie wider.





61-01 Erfahrung – Linde auf dem Wunderhof
100 x 120 cm, Acryl, 2009
21-18. Tiefe – Seerose,
50 x 60 cm, Acryl, 2011
22-03. Freude – Akelei,
30 x 40 cm, Aquarell, 2013
91-13. Die Stadt Dijan
30 x 40 cm, Acryl, 1997/2018
53-123. Waldspaziergang,
60 x 40, Öl auf traditionellem
Kreidegrund, 2025
Rückblickend lässt sich mein künstlerischer Weg nicht von meiner pädagogischen Arbeit trennen. Sie war nie ein paralleler Strang, sondern von Anfang an das Herzstück meiner persönlichen und schöpferischen Entwicklung. Was mir selbst auf diesem Weg geholfen hat – das Durchbrechen starrer Muster, das Wiederfinden der eigenen Stimme und das Ankommen in der eigenen Erdung –, wollte ich so gerne mit anderen teilen.
Die Freude daran, Räume für Selbsterfahrung zu öffnen, Wissen zu teilen und andere Menschen auf ihrem eigenen Such- und Befreiungsprozess zu begleiten, ist die natürliche Verlängerung meiner Kunst. Wenn ein Bild den Dialog auf Augenhöhe sucht, setzt die pädagogische Arbeit diesen Dialog im echten Leben fort. So schließt sich der Kreis: Kunst wirkt nicht nur im Verborgenen, sondern entfaltet ihre stärkste Kraft dort, wo sie geteilt wird und Gemeinschaft stiftet.