Werkbiografie und kunsthistorische Verortung

1985 – 1995  Die Erfahrung des unverstellten Ausdrucks

Die Auseinandersetzung mit der Natur in der Aquarellmalerei besitzt in der Kunstgeschichte eine lange Tradition. Die mir damals zugänglichen Arbeiten von Albrecht Dürer, wie das „Großen Rasenstück“ oder die „Akelei“ oder die wundervollen botanischen Zeichnungen von Maria Sibylla Merian, erweckten in mir eine tiefe Ehrfurcht. Ich wünschte mir nichts mehr, als das auch zu lernen.
So markieren diese Arbeiten aus den 1980er und 1990er Jahren den Aufbruch in eine eigene Welt. Aufgewachsen in einem familiären Umfeld, das stark von Nachkriegsanpassung, rationaler Nützlichkeit und sachlicher Zweckmäßigkeit geprägt war, galt das Zeigen von tiefem Empfinden gern als „hysterisch“. Genau aus diesem Grund wurde das Malen in dieser Zeit zu meinem persönlichen Schutzraum. Da das Aquarellieren keine harten Korrekturen erlaubt, sondern Hingabe an den Moment fordert, bot mir die Technik die Möglichkeit, meine Wahrnehmung der Welt völlig unverstellt zu zeigen – frei von Bewertung und Kritik.

22-36. Mohnblumen 

24 x 32 cm, Aquarell, 1990

22-10. Blumenwiese, 

42 x 56 cm, Aquarell, 1991

32-01. Alpenveilchen 1, 

30 x 40 cm, Aquarell, 1993

32-59.  Stilleben auf Stuhl,

42 x 56 cm, Aquarell,1992

2255. Löwenzahn, 

30 x 30 cm, Aquarell, 1995

Spiegelung & Suche nach dem Selbst (ca. 1996–1998)

Zwischen 1995 und 1998 vertiefte ich das malerische Handwerk durch den Unterricht bei dem italienischen Maler Angelo Travi. Neben der klassischen Technik der Ölmalerei und einer fundierten Farblehre vermittelte er mir vor allem das Gespür dafür, den Menschen in Szene zu setzen. Kunsthistorisch faszinierte mich in dieser Phase die Lichtführung und die scheinbar mühelose, dynamische Pinselführung des Impressionismus – der sichtbare, lebendige Strich als Ausdruck des Augenblicks. Dadurch entdeckte ich in dieser Zeit auch Acryl für mich als Medium: die perfekte Mischung zwischen Aquarell und Öl.

Persönlich fiel diese Epoche mit einer intensiven inneren Umorientierung zusammen. Durch Impulse der damaligen Selbstfindungsbewegung – etwa die zentrale Frage von Louise Hay: „Ist das, was du sollst, auch das, was du willst?“ – wurde das Malen von Menschen zu einer tiefen phänomenologischen Innenschau. Das Porträtieren verwandelte sich in ein Erforschen meiner eigenen Identität: Wer bin ich jenseits der familiären Erwartungen? Definiere ich mich nur über die Beziehung zu anderen, und welche Rollen nehme ich ihnen gegenüber ein?

In dieser Phase entwickelte sich die Malerei von einer reinen Zuflucht zu einem unbestechlichen Instrument der Selbsterkenntnis. Das Gegenüber wurde mir zum Spiegel, in dem ich Schritt für Schritt lernte, meine eigene Wahrnehmung zu behaupten.

73-03. Alter Mann mit Hut 

50 x 60 cm, Öl, 1995

71-35. Der Mayer Schmied 

70 x 100 cm, Acryl, 1997

71-39. Pete und Simon

60 x 70 cm, Acryl, 1998

71-33. Marion  

50 x 60 cm, Acryl, 1998

72-09.  Shnyar

30 x 40 cm, Aquarell,  1997

Das Sprengen der Fassade und eine neue Welt (1998–2003) 

Die Jahre zwischen 1998 und 2003 markieren den radikalsten Wendepunkt in meiner künstlerischen Arbeit. Während meiner Ausbildung in Kunsttherapie (1998–2000) trat ich erstmals ungeschützt in Kontakt mit den tief sitzenden Verhaltens- und Schweigemustern meiner Herkunftsfamilie. Ich lernte, meiner eigenen Wahrnehmung nicht nur zu vertrauen, sondern das Ungesagte auch schonungslos auszusprechen.

Technisch war diese Zeit vom Experimentieren mit dem blinden Konturenzeichnen geprägt. Der Verzicht auf die kontrollierende Hand-Auge-Koordination setzte eine ungeheure emotionale Wucht frei. Kunsthistorisch fand ich in dieser Ära meine Seelenverwandten in Vincent van Gogh und den deutschen Expressionisten,  wo die Verformung der Linie und die Rohheit der Farbe nicht dem Schöngeistigen, sondern der inneren Wahrheit dienen. Wo trotz allem die figürliche Form an die Grenzen des Darstellbaren stieß, brach sich die Abstraktion Bahn. Zugleich wurde die Natur wie in meiner Kindheit erneut zum Zufluchtsort. Die Arbeiten dieser Werkphase spiegeln die Befreiung durch die schmerzhafte Demaskierung alter Muster und meine beginnende Autonomie.

71-29. Bruder und Schwester 

100 x 130 cm, Acryl, 1999

71-05. Entsetzen

70 x 90 cm, Acryl, 1998

71-08. Selbstbewusstsein

80 x 100 cm, Acryl, 1998

11-04. Leidenschaft
100 x 150 cm, 2004

121-04. Schnecke

70 x 70 cm, Acryl, 2001

Abstraktion & Raumnahme — Vom inneren Wandel zum begehbaren Werk

Zwischen 2003 und 2008 vollzog sich in meinem Leben eine tiefe Veränderung. Eine erneute Auseinandersetzung mit historisch gewachsenen Machtstrukturen, menschlichen Abgründen und eigenen seelischen Verletzungen verlangte nach einer grundlegenden Neuausrichtung. Der ab 1999 geführte und 2006 intensiv fortgesetzte Ost-West-Dialog mit meiner Kollegin Roswitha Braun-Sauerstein aus der ehemaligen DDR diente dabei als wesentliche Projektionsebene zur Aufarbeitung gesellschaftlicher und biografischer Prägungen. Tiefgreifende Erkenntnisse aus den Schriften Arno Gruens halfen mir, diese Entfremdungsmuster zu durchschauen und mich Schritt für Schritt von ihnen zu lösen.

Der Wunsch, diese Transformationserfahrung für andere erfahrbar zu machen, sprengte die zweidimensionalen Grenzen meiner bisherigen künstlerischen Arbeit. Mit dem Erwerb des Wunderhofs im Jahr 2003 und der Gestaltung des Lebensgartens entwickelte sich mein Werk zu einer begehbaren Rauminstallation – einem physischen Ort, an dem die Natur selbst als mitgestaltende Kraft wirken durfte. Kunsthistorisch verbinden sich in dieser Epoche Einflüsse der Land Art und der symbolistischen Abstraktion sowie Farblehre (wie in der Rauminstallation „Farbenwald“ von 2007).

Die Arbeiten dieser Werkphase sind nun nicht mehr Spiegel des inneren Schmerzes, sondern werden zu einer physisch erlebbaren Einbettung in einen größeren Zusammenhang.

11-18. Dankbarkeit – Die Liebe,
100 x 100 cm, Acryl, 2003

102-01. Skorpion und Schmetterling 

80 x 100 cm, Acryl, 2005

101-17. Reise II 

70 x 80 cm, Acryl, 2006

111-10. Indigo 

70 x 120 cm, Acryl, 2001

Elfenhaus, Eingang
zum Lebensgarten 2005-2006

Rekonstruktion und Erdung

Mit dem Einzug auf dem Wunderhof begann ein neues Kapitel in meinem Leben und meinem künstlerischen Schaffen. Ich kehrte zur gegenständlichen Kunst zurück – nicht als Rückschritt, sondern als bewusster Akt der Nahbarkeit. Ich wollte für die Betrachter verständlich sein und einen gleichberechtigten Dialog auf Augenhöhe führen. Die Natur wurde erneut zum zentralen Bezugspunkt; das einst kindliche Mich-Einschwingen in die Umwelt verband sich nun mit einem rationalen Verständnis für die Projektion menschlichen Erlebens auf Naturerscheinungen. Parallel dazu brach sich eine wiedergewonnene Freude an bunten Farben Bahn, die sich insbesondere in den Illustrationen zum Buch „Die Abenteuer von Ahmed und Chanem“ ausdrückt.

Handwerklich bedeutet diese Phase auch eine Rückbesinnung auf die klassische Maltradition: Das Schichten der Ölfarbe auf echtem Kreidegrund den ich in den letzten Jahren für mich entdeckt habe, trägt eine zutiefst metaphysische Komponente in sich. Der physische Prozess des Grundierens, Wartens und schichtweisen Aufbaus spiegelt die schrittweise Rekonstruktion und Erdung meiner eigenen Biografie wider.

61-01 Erfahrung – Linde auf dem Wunderhof 

100 x 120 cm, Acryl, 2009

21-18. Tiefe – Seerose, 

50 x 60 cm, Acryl, 2011

22-03. Freude – Akelei, 

30 x 40 cm, Aquarell, 2013

91-13. Die Stadt Dijan 

30 x 40 cm, Acryl, 1997/2018

53-123. Waldspaziergang,
60 x 40, Öl auf traditionellem
Kreidegrund, 2025

Der Kreis schließt sich – Kunst als Brücke zum Menschen

Rückblickend lässt sich mein künstlerischer Weg nicht von meiner pädagogischen Arbeit trennen. Sie war nie ein paralleler Strang, sondern von Anfang an das Herzstück meiner persönlichen und schöpferischen Entwicklung. Was mir selbst auf diesem Weg geholfen hat – das Durchbrechen starrer Muster, das Wiederfinden der eigenen Stimme und das Ankommen in der eigenen Erdung –, wollte ich so gerne mit anderen teilen.

Die Freude daran, Räume für Selbsterfahrung zu öffnen, Wissen zu teilen und andere Menschen auf ihrem eigenen Such- und Befreiungsprozess zu begleiten, ist die natürliche Verlängerung meiner Kunst. Wenn ein Bild den Dialog auf Augenhöhe sucht, setzt die pädagogische Arbeit diesen Dialog im echten Leben fort. So schließt sich der Kreis: Kunst wirkt nicht nur im Verborgenen, sondern entfaltet ihre stärkste Kraft dort, wo sie geteilt wird und Gemeinschaft stiftet.