22 Okt. Kunst als Werkzeug – Das Handbuch zur Wunderhof-Methode
Ein ganzes Jahr Arbeit: Mein Handbuch zur Wunderhof-Methode ist da!
Wie kann man Zeichnen und Malen so vermitteln, dass Menschen nicht nur lernen, Bilder zu gestalten, sondern auch sich selbst als schöpferisch wirksam erleben? Mit diesen Fragen beschäftige ich mich seit mehr als 30 Jahren. Aus meiner praktischen Unterrichtserfahrung ist daraus nach und nach ein System entstanden, das ich heute die Wunderhof-Methode nenne. Nun habe ich ein ganzes Jahr an einem Handbuch dazu gearbeitet, das nicht nur meine Kolleginnen und Kollegen in Freizeiteinrichtungen und Schule nutzen können, sondern das sich auch für den Eigenunterricht zu Hause eignet.
Warum ich meine Erfahrungen aufgeschrieben habe
Im Jahr 2019 gab ich meine eigene Jugendkunstschule auf, fand es aber schade, dass meine Erfahrungen dadurch verloren gehen sollten. Aus einer Anfrage bei der Städtischen Sing- und Musikschule meiner Heimatstadt entstand schließlich die Möglichkeit, eine Ferienkunstschule in den Räumen der Musikschule aufzubauen. Dieses zeitlich begrenzte Pilotprojekt ermöglichte mir, meine Unterrichtsweise für zukünftige Kollegen sowohl schriftlich als auch fotografisch zu dokumentieren.
Ich wollte ein Handbuch schaffen, das zum einen das fachliche Know-how kurz und knapp zusammenfasst, aber auch die pädagogischen Voraussetzungen und konkrete Unterrichtsbeispiele zeigt: Welche Grundlagen brauchen die Lernenden? Welche Schritte folgen aufeinander? Wie lässt sich eine Aufgabe verständlich erklären? Wie kann man Menschen dabei unterstützen, ihre eigenen Lösungen zu finden?
Lernen braucht einen verlässlichen Rahmen
Eine wichtige Erkenntnis aus meiner langjährigen Unterrichtspraxis ist, dass für erfolgreiches Lernen die Umgebung eine große Rolle spielt. Wenn Materialien ihren festen Platz haben und der Arbeitsraum übersichtlich vorbereitet ist, finden Lernende leichter eine Arbeitsroutine. Ebenso wichtig ist ein verlässlicher Ablauf. In meinem Unterricht werden zunächst das Thema und die Aufgabenstellung geklärt. Danach folgen die Einführung in die jeweilige Technik, die praktische Erprobung und schließlich die gemeinsame Betrachtung der entstandenen Arbeiten. Denn der Prozess ist noch nicht fertig, wenn der letzte Pinselstrich gesetzt wurde. Erst beim Betrachten und Besprechen erkennen wir häufig, was gelungen ist, welche Entscheidungen wir getroffen haben und was wir beim nächsten Mal anders machen möchten. So wird aus einer praktischen Übung eine Erfahrung, an der man wachsen kann.
Die neun Bausteine der Wunderhof-Methode
Im Zentrum meines Handbuchs stehen neun Bausteine, die sowohl aufeinader aufbauend als auch modular vermittelt werden können. Sie führen Schritt für Schritt in die Grundlagen des Zeichnens und Malens ein. Dabei geht es nicht darum, möglichst schnell alles perfekt zu beherrschen. Entscheidend ist, dass die einzelnen Bausteine jeweils in Grundzügen verstanden werden, denn dann können sie in neuen Zusammenhängen immer weiter vertieft werden.
1. Die Kugel
Die Kugel ist die einfachste Grundform. An ihr kann man erkennen, wie Licht und Schatten dazu beitragen, dass Dinge dreidimensional wirken.
2. Der Zylinder
Gleiches gilt für den Zylinder, den wir in praktisch allen organischen Formen finden.
3. Die Formlinien
Durch gezielte Linienführung lernen wir, Rundungen, Wölbungen und die räumliche Gestalt eines Gegenstands sichtbar zu machen.
4. Die Struktur
Oberflächen erzählen viel über einen Gegenstand. Ob etwas glatt, rau, weich oder hart erscheint, hängt wesentlich davon ab, wie wir seine Struktur zeichnerisch erfassen.
5. Die Farblehre
Hier beschäftigen wir uns mit Farbmischungen, Licht und Schatten, Kalt-Warm-Kontrasten und Komplementärfarben. Die Farbe wird zu einem Werkzeug, mit dem wir die Bildwirkung bewusst gestalten können.
6. Der Würfel
Der Würfel erweitert das Verständnis für räumliche Zusammenhänge. Er fordert dazu heraus, Formen aus unterschiedlichen Blickrichtungen zu verstehen und abstrakter zu denken.
7. Die Materialkunde
Papier, Malgrund, Zeichenwerkzeuge und unterschiedliche Malmedien haben jeweils eigene Eigenschaften. Wer sie kennt, kann gezielter arbeiten und die passenden Mittel für eine Bildidee auswählen.
8. Die Komposition
Wie ordnen wir Formen und Farben auf einer Bildfläche an? Welche Elemente sollen besonders auffallen? Die Komposition hilft uns, die Wirkung eines Bildes bewusst zu steuern.
9. Die Perspektive
Mit der Perspektive erschließen wir uns weitere Möglichkeiten, räumliche Tiefe darzustellen und Gegenstände in ihrer räumlichen Beziehung zueinander zu verstehen.
Warum ich lieber zeige als lange erkläre
Ich habe mir meine künstlerischen Fähigkeiten größtenteils selbst erarbeitet. Deshalb weiß ich, wie wichtig es ist, Dinge auszuprobieren, eigene Erfahrungen zu sammeln und Zusammenhänge durch praktisches Tun zu verstehen. Was mich sicher auch geprägt hat, war meine Ausbildung als Lehrerin für Englisch und Geschichte. Denn beim Sprachunterricht orientiert man sich am muttersprachlichen Prinzip. Wir lernen Neues, indem wir jemandem beim Sprechen zuhören, es nachsprechen und schließlich selbst anwenden.
Das bedeutet für meinen Kunstunterricht: Ich führe einen Arbeitsschritt ein, zeige ihn praktisch und gebe den Lernenden Gelegenheit, ihn selbst auszuprobieren. Mit jeder Anwendung wächst das Verständnis. Theoretisches Wissen ist dabei keineswegs unwichtig. Es wird jedoch dann besonders wertvoll, wenn wir es unmittelbar mit einer eigenen Erfahrung verbinden können.
Kunst ist mehr als die Herstellung eines Bildes
Der Titel meines Buches ist bewusst gewählt: „Kunst als Werkzeug – Mit Kunst die Welt entdecken und gestalten“. Für mich ist Zeichnen und Malen eine Möglichkeit, die Welt genauer wahrzunehmen. Wer zeichnet, muss beobachten. Wer malt, muss Entscheidungen treffen. Wir vergleichen Größen, erkennen Formen, untersuchen Oberflächen und setzen uns mit Farben und räumlichen Beziehungen auseinander. Dabei werden Wahrnehmung, Konzentration, Vorstellungsvermögen und handwerkliche Fähigkeiten angesprochen.
Diese Erfahrungen können auch außerhalb des Kunstunterrichts hilfreich sein. Genaues Beobachten, strukturiertes Vorgehen und das Entwickeln eigener Lösungen spielen in vielen Lebens- und Arbeitsbereichen eine Rolle. Deshalb verstehe ich die Wunderhof-Methode nicht nur als Anleitung zum Zeichnen und Malen. Sie soll auch zeigen, wie wir uns durch praktische Tätigkeit neue Zugänge zur Welt erschließen können.
Für alle, die Kunst vermitteln möchten
Das Handbuch enthält zahlreiche Praxisbeispiele und Fotodokumentationen. Die Aufgaben reichen von Stillleben über Tiere zeichnen bis zu Modezeichnungen und Geschichtenillustrationen. Es richtet sich an Menschen, die Zeichnen und Malen unterrichten oder ihre eigene Vermittlungsarbeit weiterentwickeln möchten. Dazu gehören Lehrkräfte an Schulen, Kursleitende an Volkshochschulen, Mitarbeitende in Jugendkunstschulen und Malschulen sowie alle, die sich mit der Vermittlung künstlerischer Grundlagen beschäftigen.
Die beschriebenen Abläufe können als Ganzes übernommen oder an die jeweiligen Bedingungen angepasst werden. Das Buch bietet damit eine Grundlage, auf der sich eigene Unterrichtsideen entwickeln lassen. Natürlich kann kein Handbuch die persönliche Begegnung zwischen Lehrenden und Lernenden ersetzen. Jede Gruppe ist anders, und jeder Mensch bringt eigene Voraussetzungen mit. Eine nachvollziehbare Struktur kann jedoch dabei helfen, den Unterricht vorzubereiten, Erfahrungen weiterzugeben und neue Wege auszuprobieren.
Das Handbuch und die passenden Videos
Manchmal ist es leichter, einen Arbeitsschritt zu verstehen, wenn man ihn nicht nur liest, sondern auch in der praktischen Anwendung beobachten kann. Deshalb lässt sich das Handbuch wunderbar mit meinen YouTube-Videos zum Zeichnen und Malenlernen ergänzen. Für das Lehrerhandbuch gibt es außerdem einen passwortgeschützten Bereich auf der Webseite des Wunderhofs. Dort habe ich zu jedem der neun Bausteine passende Videos zusammengestellt. Sie unterstützen dabei, die einzelnen Arbeitsschritte nachzuvollziehen und die Inhalte des Handbuchs im Unterricht praktisch umzusetzen.
Wer beim Lesen eine Frage hat oder einen bestimmten Schritt noch einmal genauer sehen möchte, kann also jederzeit auf meine Videos zurückgreifen. So verbinden sich die schriftlichen Anleitungen mit anschaulichen Beispielen aus der Praxis. Das Passwort finden Sie im Buch.
Ein Jahr Arbeit, um Erfahrungen weiterzugeben
Ein ganzes Jahr lang habe ich an diesem Buch gearbeitet. Es war eine intensive Zeit des Sammelns, Ordnens, Formulierens und Überprüfens. Dabei musste ich vieles, was mir im Unterricht selbstverständlich geworden war, noch einmal bewusst durchdenken und in Worte fassen. Das war nicht immer leicht, denn praktische Erfahrung ist in vielen Dingen unbewusst. Oft weiß man aus dem Tun heraus, welcher Schritt als Nächstes sinnvoll ist. Dieses Wissen so aufzuschreiben, dass andere es nachvollziehen können, verlangt noch einmal eine andere Art der Auseinandersetzung.
Umso mehr freue ich mich, dass das Handbuch nun erschienen ist. Es bildet einen wichtigen Teil meiner Arbeit ab und soll dazu beitragen, dass die Erfahrungen aus vielen Jahren Unterricht auch anderen zugänglich werden.
Das Handbuch ist jetzt erhältlich
„Kunst als Werkzeug – Mit Kunst die Welt entdecken und gestalten“ ist ab sofort im Wunderhof-Onlineshop erhältlich.
Wenn Sie Zeichnen und Malen vermitteln, neue Unterrichtsideen suchen oder sich für einen klar aufgebauten Zugang zu künstlerischen Grundlagen interessieren, finden Sie darin zahlreiche Anregungen und praktische Beispiele.
Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Entdecken, Ausprobieren und Weitergeben!
