Transformative Gegenständlichkeit – ein künstlerischer Ansatz

Vorbemerkung

Ich habe meine Arbeit über viele Jahre in einer Sprache vermittelt, die bewusst nicht an akademische Zugänge gebunden ist. Für mich war und ist es ein wichtiger Grundsatz, dass Kunst und Wahrnehmung nicht durch sprachliche oder soziale Hürden begrenzt werden dürfen.
Wenn ich meine Arbeit hier in einer reflektierenden Sprache beschreibe, dann nicht aus Distanz zur Praxis, sondern aus Verantwortung für meine Arbeit. Mit dem Begriff der Transformativen Gegenständlichkeit fasse ich die Erfahrungen und Erkenntnisse zusammen, die sich über viele Jahre aus meiner künstlerischen Praxis entwickelt haben. Ich gebe damit dem, was in meiner Arbeit entstanden ist, eine sprachliche Form und beschreibe es als zusammenhängenden künstlerischen Ansatz.

Eine künstlerische Position im Spannungsfeld von Erfahrung und Realität

Meine Arbeit verstehe ich als eigenständige Position innerhalb der gegenständlichen Kunst. Im Zentrum steht für mich ein Erkenntnisinteresse: Wie kann das, was ich wahrnehme und erlebe, als verlässliche und überprüfbare Form von Wirklichkeit sichtbar werden?
Dabei beziehe ich mich nicht nur auf Bilder, sondern auf alle von mir geschaffenen und gestalteten Räume. Meine künstlerische Arbeit umfasst Malerei ebenso wie räumliche Gestaltungen, Gartenanlagen, Begegnungsräume, Vermittlung, Unterrichten und auch alltägliche Formen des Handelns.
Diese Räume sind keine Metaphern oder symbolischen Erweiterungen, sondern konkrete, physisch vorhandene und begehbare Werke. Sie sind gestaltete Wirklichkeit. In ihnen ist meine Wahrnehmung in Form gebracht und für andere erfahrbar und überprüfbar.
Der Lebensgarten des Wunderhofs ist in diesem Sinne kein dekorativer oder funktionaler Garten, sondern ein künstlerisches Werk im Raum, das dem, der ihn begeht, Schritt für Schritt durch die eigene Wahrnehmung erschließt.

Gegenständlichkeit als bewusste Haltung

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde Gegenständlichkeit in der Kunst oft an den Rand gedrängt. Abstraktion und Konzeptkunst galten als fortschrittlich, die Darstellung der sichtbaren Welt als rückwärtsgewandt. Meine Entscheidung für die Gegenständlichkeit ist deshalb eine bewusste Positionierung. Sie bedeutet die Anerkennung, dass Erkenntnis nicht nur im Denken entsteht, sondern ebenso im inneren Erleben und dem daraus folgenden konkreten Gestalten von Realität.

Sie steht damit auch in einer feministischen Tradition, die seit den 1970er-Jahren subjektive Erfahrung, Fürsorgearbeit, Körperlichkeit und innere Prozesse als legitime Erkenntnisformen in die Kunst geholt hat. Diese Haltung betrifft nicht nur die Malerei, sondern alle meine Werke: Bilder, Räume, Gartenstrukturen und Situationen der Begegnung. Überall geht es um die bewusste Formung von Wirklichkeit aus inneren Prozessen heraus.

Wahrnehmung, Zeugenschaft und Spiegel

Wahr-Nehmung ist für mich ein aktiver Erkenntnisprozess. Sie verankert mich in der Welt und bildet die Grundlage für mein eigenes Urteil. Im Bild wird sie zu einer Form innerer Zeugenschaft: Es hält fest, was ich gesehen und erlebt habe, und macht es sichtbar. Gerade wenn Erfahrungen von außen infrage gestellt, umgedeutet oder abgesprochen werden, wird das Bild zu einem Ort der Vergewisserung – nicht als Beweis für andere, sondern als Klarheit mir selbst gegenüber. Auch ein zartes Blumenbild kann so weit mehr sein als ein dekoratives Motiv: Es bestätigt meine eigene Wahrnehmung.
Doch mit dem fertigen Bild endet der Prozess nicht. Beim Malen übersetze ich meine Wahrnehmung und innere Zustände in Farbe, Form und Materie. Dann tritt mir das Werk als eigenständiges Gegenüber entgegen. Es spiegelt mir Informationen zurück, die ich beim Malen noch nicht sehen konnte.
Darin liegt für mich die eigentliche Bedeutung der Transformativen Gegenständlichkeit: Ich transformiere meine Wahrnehmung in ein Bild – und das Bild transformiert mich. Ich gehe als ein anderer Mensch aus dem Prozess heraus.

Raum als Erweiterung der Zeugenschaft

Neben den Bildern gehören auch gestaltete Räume zu meiner Arbeit. Der Wunderhof mit seinem Garten schafft Wahrnehmung nicht in einem einzelnen Moment, sondern als fortlaufenden Prozess: Beim Gehen verändern sich Blickwinkel, Abstände, Beziehungen und Eindrücke. Der Betrachter wird dadurch selbst Teil des Werkes und erlebt seine Wahrnehmung unmittelbar im Raum.
Der Raum erweitert damit die künstlerische Haltung des Bildes. Während das Bild Wahrnehmung in einer konzentrierten Form festhält, lässt der Raum sie in Bewegung erfahren. Wer einen solchen Weg bewusst durchschreitet, nimmt nicht nur den Raum anders wahr, sondern kann auch sich selbst darin neu erfahren. Am Ende des Weges ist man nicht mehr ganz dieselbe Person wie zu Beginn.

Die Wunderhof-Methode: Wahrnehmung als gestaltete Wirklichkeit

Aus der Verbindung von Malerei, Raumgestaltung, Gartenarbeit, Vermittlung und Alltag hat sich eine Arbeitsweise entwickelt, die ich als Wunderhof-Methode bezeichne.
Im Zentrum steht die Erfahrung, dass Wahrnehmung durch konkretes Gestalten in überprüfbare Realität überführt werden kann.
Ob im Bild oder im Raum: Durch das Zusammenspiel von Sehen, Handeln und Material entsteht eine direkte Rückkopplung zwischen innerer Erfahrung und äußerer Form.
Das zu erleben schafft Selbstwirksamkeit, weil es zeigt, dass die Wahrnehmung nicht abstrakt bleibt, sondern eine für andere sichtbare Wirklichkeit hervorbringt.

Transformative Gegenständlichkeit als kunsttheoretischer Ansatz

Die Transformative Gegenständlichkeit verbindet meine künstlerische Arbeit, meine Raumgestaltung und meine Vermittlung durch die Überzeugung, dass Wahrnehmung durch Gestaltung konkrete Wirklichkeit werden kann. Kunst wird für mich zu einer Weise, Wirklichkeit wahrzunehmen, zu gestalten und dadurch neu zu erkennen.