Transformative Kunst

Wie aus meiner künstlerischen Arbeit die Idee einer „Transformativen Kunst“ (Transformative Art) entstand

Ein persönlicher Weg zwischen Kunst, Psychologie und Philosophie

Ich möchte an den Anfang dieses Essays stellen, was ich aufgrund meines persönlichen Werdegangs unter Transformativer Kunst verstehe: Transformative Kunst versteht das Kunstwerk als Gegenüber in einem fortdauernden Dialog zwischen Mensch und Bild. Durch zeitlichen Abstand, erneute Wahrnehmung und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk können sich Sichtweisen verändern, neue Fragen entstehen und Erkenntnisse über das Bild und die eigene Haltung gewonnen werden. Die eigentliche Transformation liegt für mich nicht allein im Schaffen eines Werks. Sie kann sich auch in der bewussten Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeit über längere Zeit hinweg ereignen.

Der Begriff Transformative Kunst ist dabei nicht am Schreibtisch entstanden, sondern  ist aus meinem Leben gewachsen: aus meinen Bildern, meinen Erfahrungen und den Fragen, die mich begleiten, seit ich denken kann: Wer sind wir Menschen in diesem Universum? Welche Bedeutung haben wir? Haben wir überhaupt eine Bedeutung? Wie sehen wir uns selbst, und wie sehen uns die anderen? Wie sieht uns das Universum – (oder Gott, wenn man so will)? Und wie verändert sich unser Blick auf das Leben im Laufe der Zeit?

Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen begann lange, bevor ich versuchte, meinen persönlichen Prozess in einer Theorie zu beschreiben. Ich habe gemalt, beobachtet, nachgedacht und versucht, das, was mich bewegte, in Bildern auszudrücken. Dass ich dabei immer gegenständlich geblieben bin und warum, habe ich bereits in meinem Artikel über die „Transformative Gegenständlichkeit“ beschrieben. Denn auch dort ging es mir nie allein darum, etwas Sichtbares darzustellen. Mich interessierte zunehmend, wie unsere Wahrnehmung von uns selbst und unserer Lebensgeschichte durch äußere Erfahrungen und unsere inneren Reaktionen darauf geprägt wird.

Vom persönlichen Erleben zur bewussten Auseinandersetzung

Im Laufe der Jahre beschäftigte ich mich immer intensiver mit den psychologischen Hintergründen des Menschseins. Die Bücher des Psychoanalytikers und Autors Arno Gruen, etwa „Der Verrat am Selbst“ und „Der Verlust des Mitgefühls“, waren für mich Augenöffner. Aber auch Autoren aus dem Bereich der Selbsthilfe, wie Louise Hay oder Joe Dispenza, gaben mir interessante Denkanstöße. Die Arbeit von Gerald Hüther bestärkte mich darin, mich zunehmend auch mit den wissenschaftlichen Fragen rund um Kunst, Neurobiologie und Psychologie auseinanderzusetzen.

Besonders meine kunsttherapeutische Ausbildung von 1998 bis 2000 erweiterte meinen Blick. Ich lernte, Bilder nicht nur als fertige Werke zu betrachten, sondern sie auch zum Ausgangspunkt für Fragen und Reflexion zu nehmen: Was zeigt sich in einem Bild? Welche Bedeutung gebe ich ihm? Was kann ich darin entdecken, wenn ich mich länger damit auseinandersetze?

Parallel dazu entwickelte sich meine künstlerische Arbeit weiter. Mit meiner Kollegin Roswitha Braun-Sauerstein begann ich 1999 den Ost-West-Dialog. Aus einem Gespräch beim Kaffee und meiner Einladung, das dialogische Malen gemeinsam auszuprobieren, entstand ein über viele Jahre gewachsener künstlerischer Austausch. Wir malten abwechselnd und ohne zu sprechen. Vor allem aber übermalten wir nicht die Beiträge der jeweils anderen. Unser gemeinsamer Weg wurde in Wort und Bild dokumentiert und 2020 im Buch „Ost-West-Dialog“ veröffentlicht.

Diese Arbeit war ein wichtiger Teil meiner künstlerischen Entwicklung. Zeitgleich begann ich nämlich, einen Dialog mit meinen eigenen Bildern zu führen.

Bilder als Tagebuch

Ich begann, beim Malen innezuhalten und mich zu fragen: Warum habe ich das eigentlich gemalt? Was hat mich in diesem Moment bewegt? Welche Wahrnehmung, welche Lebenssituation oder welche Frage könnte in diesem Bild ihren Ausdruck gefunden haben? Ich schrieb meine Gedanken auf und fotografierte teilweise auch den Entstehungsprozess, um meine Bildentscheidungen später noch nachvollziehen zu können.

Besonders spannend wurde es, wenn ich ein Bild nach Jahren wieder betrachtete. Das Bild selbst war unverändert geblieben. Aber ich hatte mich verändert. Ich brachte andere Erfahrungen mit, sah Dinge anders und stellte Fragen, die mir früher vielleicht gar nicht gekommen wären. Manchmal erschloss sich so erst im Rückblick, welche Bedeutung ein Bild für mich in einer bestimmten Lebensphase hatte. Dabei ging es mir nicht darum, eine einzig richtige Deutung zu finden. Vielmehr entdeckte ich, wie sich mein Verhältnis zu einem früheren Werk veränderte – und wie ich durch diese erneute Begegnung auch etwas über meine damalige und meine heutige Haltung erfahren konnte.

Das Bild wurde für mich zu einem Gegenüber. Es bewahrte eine Spur meiner früheren Wahrnehmung und ermöglichte mir, ihr aus einer späteren Lebensperspektive erneut zu begegnen. So wurde mir immer deutlicher: Der künstlerische Prozess endet für mich nicht unbedingt mit der Fertigstellung eines Bildes. Er kann weitergehen, wenn ich mich dem Werk später erneut zuwende.

Nichts ist beständiger als der Wandel

Vielleicht ist dieser Gedanke eng mit einer Erkenntnis verbunden, die ich mir im Laufe meines Lebens hart erarbeiten musste: Nichts ist beständiger als der Wandel. Was mir früher schwerfiel zu akzeptieren, kann ich heute anders betrachten. Was einmal ungerecht oder auch glückhaft erschien, wirft später neue Fragen oder auch neue Probleme auf. Und manches, das ich zu einem früheren Zeitpunkt nicht verstehen oder akzeptieren konnte, erhält mit Abstand einen würdigen Platz in meinem Leben.

Diese Erfahrung beschränkt sich nicht auf die Kunst. Sie betrifft unsere Beziehungen, unsere Arbeit, unsere Lebensentscheidungen und unser Selbstverständnis. Aus dieser Erfahrung heraus ist damals auch der Lebensgarten auf dem Wunderhof entstanden. Bei jedem Rundgang begegnet man demselben Garten und entdeckt ihn doch anders. Die äußeren Bedingungen verändern sich, und mit ihnen verändern sich auch die Fragen, mit denen wir durch ihn gehen. So sind der Lebensgarten und meine Auseinandersetzung mit den eigenen Bildern auf unterschiedliche Weise Ausdruck einer Erfahrung: Etwas kann in seiner Grundstruktur bestehen bleiben und sich dennoch immer wieder anders zeigen.

Dadurch ist meine künstlerische Arbeit im Rückblick zu einer fortwährenden Auseinandersetzung mit dem Leben geworden. Dabei interessiert mich, wie Kunst diese Auseinandersetzung begleiten und möglicherweise positiv beeinflussen kann.

Was die Forschung dazu beiträgt

Während sich meine eigene Arbeit über viele Jahre entwickelte, wuchs auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Zusammenhängen zwischen Kunst, Psyche, Gesundheit und Gehirn.

In der 2019 veröffentlichten Übersichtsarbeit „What is the evidence on the role of the arts in improving health and well-being? A scoping review“ der Weltgesundheitsorganisation (WHO), verfasst von Daisy Fancourt und Saoirse Finn, wird Forschung aus mehr als 3.000 Studien ausgewertet und werden vielfältige Zusammenhänge zwischen künstlerischen Aktivitäten und Gesundheit beziehungsweise Wohlbefinden beschrieben

Auch einzelne Studien untersuchen, wie sich das aktive Gestalten von Kunst auf Stressparameter oder auf Prozesse im Gehirn auswirken kann. Solche Ergebnisse zeigen, dass die Auseinandersetzung mit Kunst längst nicht mehr nur unter ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet wird. Diese Forschung ist für mich eine wichtige Ergänzung. Sie bietet wissenschaftliche Anknüpfungspunkte für Fragen, die mich in meiner praktischen Arbeit schon lange beschäftigen. Sie beweist allerdings nicht jede einzelne Erfahrung, die ich mit meinen Bildern gemacht habe. Die konkrete Frage, welche Bedeutung die wiederholte Begegnung mit dem eigenen Werk über Jahre hinweg haben kann, bleibt eine Frage, der ich aus meiner eigenen künstlerischen Praxis nachgehe.

Warum ich heute von Transformativer Kunst spreche

Meine Beschreibung der Transformativen Gegenständlichkeit enthielt bereits einen wesentlichen Teil meines künstlerischen Ansatzes: Ich male gegenständlich, um meine Wahrnehmung sichtbar zu machen. Dabei verstehe ich diese Wahrnehmung nicht als bloßes Abbilden einer äußeren Wirklichkeit. In meine Bilder fließen auch meine Erfahrungen, meine Aufmerksamkeit und meine Sicht auf die Welt ein. Und nach dem Malen setze ich mich bewusst mit dem Bild auseinander. Ich befrage es und lasse zu, dass sich durch diese Begegnung mein Blick verändern kann.

Mit dem Begriff Transformative Kunst möchte ich diesen Gedanken weiterführen und über die gegenständliche Malerei hinaus öffnen: Ich bezeichne damit einen Ansatz, das Kunstwerk als Gegenüber eines fortdauernden Dialogs zu verstehen. Durch zeitlichen Abstand, erneute Wahrnehmung und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk können neue Fragen entstehen. Frühere Sichtweisen lassen sich anders betrachten, und Erkenntnisse sowohl über das Werk als auch über die eigene Haltung werden möglich.

Das ist kein Versprechen, dass jedes Bild eine Veränderung auslöst oder jede Begegnung zu einem bestimmten Ergebnis führt. Es ist eine Möglichkeit, die ich in meiner eigenen Arbeit über viele Jahre erfahren und beobachtet habe. Transformative Kunst ist für mich deshalb weniger eine abgeschlossene Lehre als die Beschreibung eines Weges: eines Weges, auf dem wir unseren künstlerischen Arbeiten, unseren früheren Sichtweisen und immer wieder auch uns selbst neu begegnen können.